Hermann Prey und Carl Loewe: Tipps für das Musikrepertoire der nächsten Generation

Durch eine “kulturinteressierte Zeitgenossin”, die sich seltsamerweise in der näheren Nachbarschaft versteckt hat, werde ich erneut auf den Sänger  Hermann Prey (1929-1998)  gestoßen, einen Bariton und Lied-Spezialisten. Ich will dieser Nachbarin eine Freude machen und stoße dabei in youtube auf eine Einspielung von Balladen von Carl Loewe (1796-1869)  mit Hermann Prey, Bariton und Günther Weissenborn (Piano).

Speziell diese Auswahl aus Loewe-Balladen hat sich meinem Gedächtnis eingeprägt, erstens weil in dem preussisch-katholischen “bildungsbürgerlichen Haushalt”, in dem ich in meiner Gymnasialzeit aufgewachsen bin, genau diese Aufnahme zur regelmässigen “Sonntagsmusik” (vom Plattenspieler) gehörte, und zweitens weil mir bis heute keine “in ihrer eigenen Art vollkommenere” Aufnahme begegnet ist.

Ich selbst habe speziell an dieser Aufnahme gelernt: Erstens darf der Interpret, sofern sein Ziel eine “Verlebendigung” von “konservierter” Musik auf Notenpapier ist, nicht sklavisch am geschriebenen Notenbild kleben, sondern er  darf sich gewisse FREIHEITEN des Vortrags  – natürlich in der “adäquaten Dosierung” – nehmen, ja, der Sänger darf sogar vom sogenannten “akademischen Ideal” des sogenannt “schönen Tones” abweichen, zum Beispiel um eine fast dramatische Wirkung zu erzielen,  und zum anderen staunt man nicht schlecht über die SEHR EIGENARTIGE Weise des Lied-Satzes (platt gesagt: der “Liedbegleitung”) bei Carl Loewe. Weil ich inzwischen selber etliche Musik-Arrangements geschrieben habe, darf ich vielleicht wagen, zu sagen: Ich selbst könnte die Art der Liedbegleitung, die Carl Loewe eingefallen ist, nicht einmal “imaginieren”, da fehlt einfach etwas in meiner “musikalischen Vorstellungsfähigkeit”.

Sozusagen: Hätte Carl Loewe nichts anderes geschrieben als Balladen, dann würde allein dies genügen, daß er für immer als LIED-SPEZIALIST im Lexikon für die kommenden Jahrhunderte  gelistet sein müßte.

Als nächstes  tippte ich  “Carl Loewe” in eine Suchmaschine ein und erhielt folgendes Ergebnis zur Biobibliographie  – Carl Loewe  (1796-1869) in deutscher Wikipedia – Carl Loewe in englischer Wikipedia. Aus beiden Wikipedias geht sehr deutlich hervor, daß Carl Loewe geradezu erschreckend VIEL Musik in praktisch ALLEN Musikgattungen  geschrieben hat, wodurch sich die geradezu sprichwörtliche Redewendung vom “ungemein fleissigen 19. Jahrhundert” erneut bestätigt, ein FLEISS und eine ARBEITSLEISTUNG, die wir heute bei all der Ablenkung der aktuellen Lebensweise nicht mehr schaffen, nicht mehr zustande bringen.

Einen Überblick über MENGE und VIELFALT der Musikproduktion von Carl Loewe gibt englische Wikipedia in einem eigenen Artikel “List of compositions by Carl Loewe” .  Nicht ganz so lang ist die Liste der KOSTENLOSEN MUSIKNOTEN mit Werken von Carl Loewe in der IMSLP/Petrucci online-library.

Für die STUDENTEN/INNEN der nächsten Generation möchte ich auf folgendes aufmerksam machen, sozusagen zum Zwecke der “musikalischen Archäologie”: Carl Loewe hat nicht wie viele Bühnenkomponisten MITTELMÄSSIGE LIBRETTOS “musikalisch umsetzen” müssen, sondern hat sich an ANSPRUCHSVOLLEN Texten BEDEUTENDER DICHTER versucht und geschult: Wir finden da den Liederzyklus “Frauenliebe” nach Gedichten von Adalbert Chamisso (1781-1838), Liederkreis nach Gedichten von Friedrich Rückert (1788-1866) – Friedrich Rückert hat sich als SPRACHGELEHRTER mit ugnefähr 44 Sprachen “beschäftigt”, unter anderem, wenn ich jetzt richtig erinnere, die ERSTE brauchbare Grammatik des Persischen geschrieben, und der sehr natürliche Erklärungsgrund, warum Rückert heute nur noch  eine “kleine Orchideenecke” für sich hat, ist einfach der, daß es heute kaum Leute gibt, die mit Rückert GEISTIG MITHALTEN können! –  wir finden sogar übersetzte Texte des POLNISCHEN Schriftstellers Adam Mickiewicz, – 1798-1855 – (englische Wikipedia) Adam Mickiewicz (deutsche Wikipedia, starb in Konstantiopel als Truppenwerber für das französische Kontingent im Krim-Krieg). Erstaunlicherweise gibt es auch HEBRÄISCHE Lieder und einen SERBISCHEN Liederkreis von Carl Loewe. Und die oben erwähnten bekannteren BALLADEN von Loewe vertonen auch GOETHE-Texte.

Wie soll ich diplomatisch formulieren: Vielleicht ist der Grund, warum wir von dem sehr umfangreichen Liedschaffen des Carl Loewe heute fast nur noch den BALLADEN-Teil kennen und im Konzertbetrieb finden, den uns besonders Herman Prey überhaupt erst wieder NEU AUFGESCHLOSSEN hat, daß es sich dabei um ANSPRUICHSVOLLE Werke handelt, die GEISTIGE ANSTRENGUNG verlangen. Es versteht sich von selbst, daß man DICHTERISCHES NEUHOCHDEUTSCH des 19. Jahrhunderts NICHT SCHAFFEN kann, wenn REGIERUNGSAMTLICH die Unterrichtung des literaturfähigen Neuhochdeutschen in den höheren Schulen in Deutschland inzwischen ZUSAMMENGEBROCHEN ist – und de facto NICHT MEHR unterrichtet wird, nicht nur, weil wir eine DESTRUKTIVE STAATSPOLITIK haben, sondern weil es auch die LEHRER SELBST NICHT MEHR KÖNNEN!

Es wird das Publikum vielleicht auch überraschen, zu erfahren, daß heute, im Jahre 2018, in ganz Deutschland ein flächendeckender Musikunterricht überhaupt nicht mehr stattfindet, wobei man zweifeln kann, ob der Grund dafür eine IDEOLOGISCHE STAATSPOLITIK ist oder aber eine GEÄNDERTE AUSRICHTUNG des KOMMERZIELLEN MUSIKBUSINESS, wo es um MILLIARDEN geht. Und sollte aus Versehen doch in irgendeiner Mittel- und Oberstufe noch regelmäsiger Musikunterricht vorkommen, dann wäre zu zweifeln, ob es in Deutschland noch GENUG MUT gibt, dann KLASSISCHE MUSIKGESCHICHTE zu unterrichten, vorausgesetzt es sind überhaupt FACHLEHRER MUSIK im Einsatz und nicht “Nebenbei-Lehrkräfte” und “musikalische Quereinsteiger”.

So, wir lernen noch etwas aus den Werklisten des Carl Loewe. Wir finden da nämlich KIRCHLICHE GEBRAUCHSMUSIK aus dem einfältigen Grunde dem, daß Carl Loewe im Hauptberuf evangelischer Kirchenmusiker war (und wahrscheinlich nur “nebenbei” eingetragenes Mitglied einer Freimaurer-Loge ab 1827). Diese Beobachtung bestätigt, was wir auch aus dem Beispiel des Johann Sebastian Bach und vieler anderer Komponisten kennen, daß nämlich MUSIK DORT NEU entsteht, wo man AKTUELL MUSIK MACHT und sozusagen “Musik braucht”.  Es ist selbstevident, daß eine “Wiederauferstehung des Carl Loewe” NOTWENDIG SCHEITERN muß, wenn wir in Deutschland aktuell einen NIEDERGANG der katholischen und evangelischen Kirchenmusik beobachten, so eine Art AUSSTERBEN oder zumindest STARKE SCHRUMPFUNG. Es ist ausserdem selbstevident, daß in allen Gegenden Deutschlands, wo das KASUALE GELEGENHEITSSINGEN AUSGESTORBEN ist und das SINGEN sich in VEREINE “zurückgezogen” hat, die früher übliche BREITE BASIS von AKTIVER MUSIK und MUSIKMACHEN und/oder eigentliche HAUSMUSIK (im zu Unrecht so viel geschmähten “Bildungsbürgertum” früherer Zeiten)  schon weggebrochen ist.

Und wenn es ganz schlimm kommt, dann werden jene recht behalten, die schon seit Jahrzehnten prognostizieren, daß die ZUKUNFT DER KLASSISCHEN EUROPÄISCHEN MUSIK IN CHINA, JAPAN UND KOREA liegt, unter anderem deshalb, weil man dort das LERNEN noch mit einer “gewissen TRAININGSDISZIPLIN” verknüpft.

Langer Rede kurzer Sinn: Ich habe mir in youtube ein Klavierkonzert und eine Symphonie von Carl Löwe angehört und man begreift, daß wir diese kaum noch hören, weil diese Musik zwar  GEDIEGENE und ORDENTLICHE Kost ist, aber nicht deutlich hervorsticht gegenüber der Konkurrenz.

Ob man heute überhaupt ein Publikum finden könnte für ein Revival der Rückert-Lieder von Carl Loewe scheint mir, wie bereits gesagt,  deshalb fraglich, weil die einfach zu anspruchsvoll sind.

Ich überspringe  hier, das Publikum möglichst schonend, die Schwierigkeit, daß LIED eine EIGENE EUROPÄISCHE und ganz besonders DEUTSCHE  Kulturgeschichte hat, deren Kenntnis im Falle eines derartigen LIED-KENNERS (“Connaiseurs”) wie Carl Loewe, gewiss sehr hilfreich wäre. Ich verweise diesbezüglich für den Anfang auf die Lied-Bibliographie von Max Friedländer vom Anfang des 20. Jahrhunderts – oder auf einschlägige Bibliographien von Buike Science And Music (“Belgrad 1717: Prinz Eugen, vol.2: Eugenlied” und “Liedbibliographie Südosteuropa, Österreich 18./19. Jahrhundert”, beide neuerdings kostenlos in google books)

Ich VERMUTE aber, daß der große Bereich der anderen Lieder von Carl Loewe und auch der Bereich seiner GEISTLICHEN Kompositionen noch einmal ein REVISITING durch die NÄCHSTE GNERATION verdient, sieht man einmal davon ab, daß man heute wahrscheinlich nicht mehr GENÜGEND ZEIT hat für LÄNGERE Musikwerke, die im Typ den alten ORATORIEN oder GEISTLICHEN SINGSPIELEN  ähnlich sind. Angeblich gilt im Rundfunk- und Fernsehbereich: Jede Musik, die länger als 3 Minuten ist, überfordert das heutige Massenpublikum – und wird infolgedessen gar nicht gesendet.

Was mir aber als historischer Buchautor auffällt, ist folgendes: Man hält sich gewöhnlich für einen kulturell gut informierten Zeitgenossen und bemerkt gar nicht mehr, daß wir alle eine PARTIELLE WAHRNEHMUNG haben, in welcher eine hinreichend umfangreiche Kenntnis von Carl Loewe gar nicht mehr vorkommt. Etwas pointierter gesagt: Wir parlieren mit großem Optimusimus über die Geschichte der Jahrtausende vor unserer Zeit, haben aber noch nicht einmal Geschichte der letzten 150-200 Jahre ausreichend deutlich gewußt verfügbar!

Hoppla!

Buike Science And Music

 

 

About bbuike

- *1953 in Bremen / Germany - since decennia in Neuss / Germany - classical composer (registered since 2005) - scientific freelance writer - registered to German National Library "Deutsche Bibliothek", search "Bruno Buike", with 246 items in 2013 1996-97 - 5000 qm Rekultivierung Obstwiese mit Kleintierhaltung 2004/05 - 3 Wochen Gartenpflege in einem orthodoxen Kloster in Deutschland 2009 - 3 Wochen Katastrophenhilfe Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2011 - journey to Przemysl/Poland - and learning of basic Polish vocabulary and reading/pronounciation 2013 University of Tokyo - Conditions of war and peace - Coursera - Certificate 2013, December - after 15 years in mainly Russian-orthodox and Greek-orthodox affairs return to Roman-Catholic church 2014 National University of Singapur, Conservatory - Write like Mozart. Introduction to classical composition - Coursera Certifikate "with distinction"
This entry was posted in culture, music and tagged , . Bookmark the permalink.