Bilderbogen: Myriameterstein von (Meerbusch)-Nierst

Im September 2017 besuchte ich aus Gründen der geistlichen und körperlichen Ertüchtigung einen Gottesdienst zu einem Gedenktag der katholischen Ukrainer des byzantinischen Ritus in einer Kirche irgendwo im Norden von Krefeld, die diese sich mit den autokephal-orthodoxen Ukrainern teilen, und zwar mit dem Fahrrad von Neuss aus – aber NICHT auf der Route von google-maps sondern auf  anderen Wegen, welche mich unter anderem an das – stromab gesehen – “linkseitige” Rheinufer bei Meerbusch-Nierst (gegenüber von Wittlaer und Flughafen auf Düsseldorfer Rheinseite) führten.

Ich bin da zwar schon mal Richtung Krefeld-Uerdingen vorbeigefahren, aber meistens komme ich nur bis zur Fähre nach Lank-Latum (gegenüber von Kaiserwerth). Aber DIESMAL fiel mir etwas auf, nämlich ein “touristischer Wegweiser”, auf dem ein Wort stand, das ich noch NIE GEHÖRT habe, obwohl ich ganz bestimmt einen sehr viel grösseren Wortschatz in meiner Muttersprache haben sollte als der Durchschnittsintelligenzler.

Das UNBEKANNTE RÄTSELWORT lautet:

MYRIAMETERSTEIN – Myriameterstein!

Und das “Ding” muß irgendwo am Rheinufer stehen, warum auch immer! Und es gibt davon sogar eine Info in google-maps!

(Quelle: google maps, “Nierst Myriameterstein”)

So wir rätseln hier gar nicht lange rum, sondern fragen google und finden in deutscher Wikipedia den artikel “Myriameterstein” unter URL https://de.wikipedia.org/wiki/Myriameterstein

Da lernen wir erstens eine DEFINITION:

“Diese historischen Kilometersteine sind alle zehntausend Meter rechts und links des Rheins zwischen Basel und Rotterdam angebracht.” (Artikel “Myriameterstein”, Abschnitt “Allgemein”  in Wikipdedia DE, URL https://de.wikipedia.org/wiki/Myriameterstein#Allgemein)

Dann lernernen wir ZWEITENS etwas GESCHICHTE, also etwas von Warum und WESHALB und von einigen  VORARBEITEN wie zum Beispiel der Begradigung des Oberrhein durch Georg Tulln im damaligen Königreich Württemberg-Baden:

“Die Central-Commission für die Rhein-Schiffahrt ordnete am 25. Mai 1864 in Amsterdam – nach der Begradigung des Oberrheins durch Gottfried Tulla – erstmals eine Gesamtvermessung des Rheinstroms an, die ihren Anfang an der Mittleren Brücke zu Basel (heutiger Rhein-km 166,6) nehmen und an der Rheinmündung enden sollte. Mitglieder waren die Rheinanliegerstaaten Baden, Bayern, Frankreich, Hessen, Nassau, Niederlande und Preußen. – 1867 wurde von der Central-Commission beschlossen, zur Kennzeichnung der Vermessungsergebnisse Vermarkungssteine, sogenannte Myriametersteine, zu setzen.” (Artikel “Myriameterstein”, Abschnitt “Geschichte” in Wikipdedia DE URL https://de.wikipedia.org/wiki/Myriameterstein#Geschichte)

Wir lernen drittens, daß die Steine alle eine STANDADRISIERTE Beschriftung hatten bzw. haben

  • Wasserseite – Identnummer des Myriametersteins  einer fortlaufenden Nummererung in lateinischen Zahlen OLUS als zweite Information: Höhe über A.P., entsprechend Amsterdamer Pegel, welcher bis kurz vor Ende des 20. Jahrhunderts der sogenannte “Normal Null Meerespiegel” in der weltweiten (nautischen) Kartographie war.
  • Landseite –  Oben: Etnfernung in 10km-Einheiten = 1,000 Myriametern VON Basel – UNTEN: Entfernung NACH Rotterdam in derselben Maßeinheit.
  • Talseite – Entfernung zu ehemaligen Landesgrenzen in der Maßeinheit von 10km = 1,000 Myriameter.
  • Bergseite – Entfernung zu ehemaligen Landesgrenzen in der Maßeinheit von 10km = 1,000 Myriameter. (vgl. Artikel “Myriameterstein”, Abschnitt “Beschriftung” in deutscher Wikipedia URL https://de.wikipedia.org/wiki/Myriameterstein#Beschriftung)

Wir lernen viertens den Myriameterstein Nr 59 (LIX)  von Nierst bei heutigem Stromkilometer 757,48 und den gegenüberliegenden Myriameterstein beim selben Stromkilometer von Wittlaer, welche zu den ERHALTENEN Myriametersteinen gehören:

“59 (LIX) – 757,46 linksrheinisch – Meerbusch, Stadtteil Nierst – Nicht am Rheinufer, sondern am nächsten, parallel dazu verlaufenden Weg

MB- Nierst

59 (LIX) – 757,46 rechtsrheinisch – Düsseldorf, Stadtteil Wittlaer – Etwa 400 m nördlich von Haus Werth (ehemalige Treidelstation)

D-dorf-Wittlaer”

(vgl. Artikel “Myriameterstein”, Abschnitt “erhaltene Steine”, in Wikipedia DE, URL https://de.wikipedia.org/wiki/Myriameterstein#Erhaltene_Steine – layout verändert) ACHTUNG: Möglicherweise handelt es sich nicht um Myriameterstein Nr.59, sondern um Nr. 58!!!

Quelle: google maps

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Jetzt gibt es noch etwas, was nicht in Wikipedia steht (man glaubt es kaum, aber das gibt es tatsächlich), nämlich einen Bericht der Rheinischen Post RP online aus dem Jahr 2012 über die Renovierung des Myriametersteins von Nierst im Jahre 2004 URL

“Myriameterstein in Nierst

Meerbusch. NIERST Sie stehen zwischen Basel und der Grenze zu den Niederlanden am Rheinufer: die Mayriametersteine. Rund 70 preußische “Rheinmesspunkte” sind noch erhalten, einer davon in der Nähe des Ufers in Nierst. Diese historischen Kilometersteine sind ursprünglich alle 10 000 Meter rechts und links des Rheins zwischen Basel und Rotterdam aufgestellt worden. Viele von ihnen wurden jedoch inzwischen entfernt und nie wieder aufgestellt. Nur in Rheinland-Pfalz und im Regierungsbezirk Düsseldorf stehen die markanten, pyramidenförmigen Steine unter Denkmalschutz.

Die “Central-Commission für die Rhein-Schiffahrt” ordnete am 25. Mai 1864 in Amsterdam nach der Begradigung des Oberrheins erstmals eine Gesamtvermessung des Stroms an. Der Anfangspunkt sollte an der Mittleren Brücke in Basel an Stromkilometer 166,6 liegen. Enden sollte die Vermessung an der Mündung. Drei Jahre später wurde dann beschlossen, dass für die Kennzeichnung der Vermessungspunkte Myriametersteine gesetzt werden sollte. Die Steine bestehen aus Ibbenbürener Sandstein und sind ungefähr 1,20 Meter hoch. Oben enden sie in einer flachen, vierseitigen Pyramide.

Aufgrund ihrer geringen Größe zählen diese Steine zu den Kleindenkmälern. Alle vier Seiten des Myriametersteins waren beschriftet: die Rheinseite trägt die Nummer des Steins. Darunter beschreibt die Angabe AP die Höhe des Steins über dem Amsterdamer Peil (Amsterdamer Pegel, entspricht NN), was wichtig für die Berechnung des Flussgefälles ist. Auf der Landseite wurden die Entfernungen von Basel und bis Rotterdam angegeben. 590 Kilometer sind es von Nierst bis Basel, 234 Kilometer bis Rotterdam.

2004 wurde der Nierster Myriameterstein restauriert. Das hieß für die Fachleute heute aber nicht, das ursprüngliche Erscheinungsbild von vor 150 Jahren wieder herzustellen. Der Ist-Zustand wird erhalten, weiterem Verfall vorgebeugt. Weder der ehemalige schwarz-weiße Anstrich noch die völlig verwitterte Schrift wurden erneuert. Statt dessen soll künftig eine Hinweistafel Spaziergänger über den einstigen Sinn des Steins aufklären. ESTHER MAI” (Quelle: RP online vom 02. August 2012 URL http://www.rp-online.de/nrw/staedte/meerbusch/myriameterstein-in-nierst-aid-1.2934016)

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Der Bürgerverein von Nierst hat eine prinzipiell sehr ähnlich lautende Auskunft unter URL http://www.nbv-nierst.de/index.php/9-aktuelles/35-myriameterstein

Ausserdem ist der Myriameterstein Nierst eingetragen in das Denkmalverzeichnis der Stadt Meerbusch URL – http://denkmalgalerie.meerbuscher-kulturkreis.de/component/option,com_gallery2/Itemid,5/?g2_itemId=3688 – wo sich folgendes Photo einer MODERNEN PLAKETTE mit einigen INFOS befindet:

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Es fehlen noch ein paar Kleinigkeiten aus der GESCHICHTE: Als nämlich im Jahre 1864/1867 das Projekt der Setzung von Myriametersteinen als eine SPEZIELLE METHODE der FLUSSVERMESSUNG startete, da geschah dies nicht ZUFÄLLIG, sondern WEIL der Rhein schon damals eine INTERNATIONALE WASSERSTRASSE war, welcher KEINER einzelnen Nation “gehörte”, sondern wo mehrere Nationen sehr effektiv ZUSAMMENARBEITETEN, sogar in Kriegszeiten. Die Internationalisierung des Rheins war bereits  durch eine Verwaltungsverfügung in der napoleonischen Besatzungszeit begonnen worden – Rheinschifffahrts-Octroi vom 15. Oktober 1804   – , dann aber in eine endgültige Form gegossen worden in der Schlußakte des Wiener Kongresses von 1815, wo man also keineswegs “nur getanzt” hat, auf welcher Grundlage dann mehrere TECHNISCHE DURCHFÜHRUNGS-Dokumente folgten, darunter unter anderem die Mannheimer Akte von 1868. In 1963 erfolgte die letzte europaweite “Revision der Revision”, welche mit seitdem ergänzten 7 Zusatzprotokollen bis heute gültig ist.

Zentralkommission für die Rheinschiffart, Wikipedia DE, URL https://de.wikipedia.org/wiki/Zentralkommission_f%C3%BCr_die_Rheinschifffahrt

Mannheimer Akte von 1868 in Wikipedia DE, URL https://de.wikipedia.org/wiki/Mannheimer_Akte

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Ergebnis: Zwar ist es geradezu bedauerlich WAHR, daß ich jetzt 64 Jahre bin, aber noch nicht einmal das schöne deutsche Fremdwort “Myriameterstein” kannte … – WAHR ist allerdings auch, daß ich AB HEUTE nicht mehr so SAUDUMM bin wie GESTERN!

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- *1953 in Bremen / Germany - since decennia in Neuss / Germany - classical composer (registered since 2005) - scientific freelance writer - registered to German National Library "Deutsche Bibliothek", search "Bruno Buike", with 246 items in 2013 1996-97 - 5000 qm Rekultivierung Obstwiese mit Kleintierhaltung 2004/05 - 3 Wochen Gartenpflege in einem orthodoxen Kloster in Deutschland 2009 - 3 Wochen Katastrophenhilfe Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2011 - journey to Przemysl/Poland - and learning of basic Polish vocabulary and reading/pronounciation 2013 University of Tokyo - Conditions of war and peace - Coursera - Certificate 2013, December - after 15 years in mainly Russian-orthodox and Greek-orthodox affairs return to Roman-Catholic church 2014 National University of Singapur, Conservatory - Write like Mozart. Introduction to classical composition - Coursera Certifikate "with distinction"
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