Renovierte Orgel in Neuss-Grefrath mit Theo Dahmen: ein Kleinod

Am 25. März 2017 mache ich mit dem Fahrrad meine Trainingskilometer und gerate dabei nach Neuss-Grefrath, wo die Glocken leuten. Ich denke: Nanu, Glockenleuten samstags um 17:00 Uhr auf dem platten Land? Das sehe ich mir an! Gesagt, getan.

Ich betrete also eine stilecht renovierte neugotische Kirche mit ebenso stilechten Kirchenfenstern und bin überrascht: Die Orgel – Johann Müller, Viersen, 1869 –  ist renoviert worden und Theo Dahmen gibt zur Neu-Vorstellung ein Konzert von ungefähr 1 Stunde.

Ich denke bei mir: 25. März ist ein hoher Marienfeiertag – Verkündigung des Engels an die Gottesmutter – und die Zeit nimmst du dir.

Gegeben wird also folgendes Programm:

  • Dietrich Buxtedhude (1637-1707), Toccata in G (manualiter) und Choralvorspiel “Komm, Heilger Geist, Herre Gott”
  • Henri Purcell (1659-1695), Trumpet Tune in D
  • Francois Couperin (1668-1733), Trois Couplets (aus dem Gloria der “Messe pour les Convents”), a) Qui tollis peccata mundi, b) Domine Deus, c) Agnus Dei, Amen.
  • Enrico Bossi (1861-1925), Ave Maria
  • Andreas Willscher (*1955), Toccata in C

Well, dieses Programm sieht harmlos aus, ist aber in Wirklichkeit klug und kenntnisreich ausgewählt, um die KLANGREGISTER der frisch renovierten mittleren Orgel vorzustellen und zur Geltung zu bringen.

Dietrich Buxtehude – hier Klangbeispiel Toccata G, manualiter transkribiert von Clavicimbel auf Orgel – , da muß man nichts zu sagen, da erwartet man den glänzenden  barocken Sound einer Silbermann-Orgel. ABER bei diesem Konzert ergriff der Organist Theo Dahmen die Gelegenheit und stellte gegen Ende im Choralvorspiel von Buxtehude  die ZUNGENREGISTER vor, die mich ehrlich erstaunten und die ich in einer solch relativ kleinen Kirche nicht erwartet hätte.

Henry Purcell, Trumpet tune in D (im Klangbeispiel von youtube mit echter Trompete, die in St. Stephanus natürlich durch ein Orgelregister ersetzt war) ist fast selbst-erklärend: Da erwartet man die festliche Fanfare für höfische Anlässe am englischen Königshof. Und so kam es auch. Allerdings: das Trompetenregister bei den großen französischen Kirchenorgeln hatte ich etwas voller in Erinnerung. Macht aber nichts, denn die Klangregister müssen ja auch zur Größenordnung des Kirchenraumes passen.

Wirklich interessant aber wurde es – für mich – bei Francois Couperin, Messe pour les Couvents, Ausschnitte aus dem Gloria , denn da wird eine nicht alltägliche Kompositionstechnik angewendet. Zuerst wird von einem Sänger oder einer Schola einstimmig ein gregorianischer Vers aus dem Gloria vorgetragen, dann folgt eine Orgel-Versette, die die Melodie des gregorianischen Verses relativ frei ausdeutet und umspielt.  Rein zufällig habe ich dieses Couperin-Werk auf CD zuhause, und zwar gespielt auf einer sogenannten “französischen Salon-Orgel” und mit dem sogenannten “französischen Stil” bei den Verzierungen  und auch mit “Plein jeu”, “Grand jeu” und dergleichen. Also erwartete ich einen Reigen und Zauber der  KLANGFARBEN der verschiedenen Register-GRUPPEN, was also bei Fehlen von Haupt- und Nebenwerken auf gescheiten Einsatz  von Koppeln und Manualen hinausläuft,  und zwar darunter natürlich auch die festlichen Mixturen, dann wiederum die Zungenregister, dann aber auch die stets  für den “BASIS-SOUND” eines Orgelinstrumentes KRITISCHEN PRINZIPAL-Register. Well, ich hatte vor einigen Jahren einmal einen kleinen Briefwechsel im Internet  mit dem Inhaber der Orgelbaufirma Walcker und dabei lernte ich, daß die PRINZIPAL-Pfeifen eine WISSENSCHAFT für sich sind, was schon beim MATERIAL und den METALLLEGIERUNGEN anfängt. Zum Fachsimpeln haben wir aber jetzt keine Zeit, aber man kann wahrscheinlich einiges nachlesen auf der Walcker-homepage.

Wir müssen nämlich noch etwas angemessen halbwegs Kluges sagen über Ernesto Bossi, den ich noch gar nicht kannte. Meine Unkenntnis ist sozusagen für Deutschland geradezu TYPISCH, denn hierzulande hat man eine gute Chance, daß man von den Komponisten der ITALIENISCHEN Orgel-Romantik nur sehr selten überhaupt etwas hört. Es hat sie aber gegeben, nämlich BEMERKENSWERT GUTE italienische (Kirchen-)Komponmisten des 19. Jahrhunderts. Was soll ich sagen: Das “Ave Maria” von Bossi ist natürlich für alle sogenannte ROMANTIKER ein Paradethema, welches  in St. Stephanus, Grefrath, auch “total romantisch” aufgefaßt und registriert vorgetragen wurde, natürlich unter Einsatz der sogenannten Flötenregister. Allerdings, ich gestehe es, romantische Klangverfeinerung ist nicht wirklich das, was mich bei Orgelmusik vom Hocker reißt.

Andreas Willscher durfte den “Raußschmeisser” geben mit einer fulminanten, an der jüngeren französischen Orgelmusik eines Widor geschulten  Toccata, welche natürlich das Mauerwerk leicht zum Beben brachte.

Alles in allem war ich sehr positiv überrascht a) von der bei Seifert/Kevelaer  renovierten  Orgel in St. Stephanus, Neuss-Grefrath, b) vom Organisten Theo Dahmen, der erst kürzlich von Kempen in den Pfarrverband Korschenbroich gewechselt hat und sich sozusagen zusammen mit der Orgel aufs allerbeste empfahl, sauber und unpretenziös musiziert, klanglich mit Sachverstand die Orgel registiert – und vor allem mit einer Stückeauswahl die sowohl dem Instrument angemessen war,  als auch eine nicht ganz alltägliche Repertoirkenntnis offenbarte.

Das soll aber jetzt nicht in übertriebene Lobhudelei ausarten wie bei bezahlten Klaqueuren und Schreibern. Aber ich möchte doch sagen: Auch wenn man das mittlere Instrument einer kleineren Kirche wie in St. Stephanus in Neuss-Grefrath – renoviert von Firma Seifert in Kevelaer – nicht vergleichen kann und auch nicht vergleichen darf  mit der kürzlich  von Klais umgebauten Orgel in der Maxkirche in Düsseldorf oder mit der ebenfalls kürzlich renovierten großen Orgel von St. Antonius in Düsseldorf-Oberkassel, so möchte ich doch dieses mittlere  und “feine” Instrument in Neuss-Grefrath mit seinem ausgeprägt eigenständigen Charakter durchaus nicht missen, ebensowenig übrigens wie den Organisten.

Ich gebe zwei Weblinks, für den Fall, daß meine Ausführungen zu subjektiv empfunden werden:

a) Bericht der Rheinischen Post http://www.rp-online.de/nrw/staedte/neuss/grefrather-orgel-wird-mit-konzert-vorgestellt-aid-1.6711944

b) eine private homepage zu St. Stephanus, Neuss-Grefrath von Michael Becker http://ijon.de/stephan/index.html

Buike Science And Musik

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- *1953 in Bremen / Germany - since decennia in Neuss / Germany - classical composer (registered since 2005) - scientific freelance writer - registered to German National Library "Deutsche Bibliothek", search "Bruno Buike", with 246 items in 2013 1996-97 - 5000 qm Rekultivierung Obstwiese mit Kleintierhaltung 2004/05 - 3 Wochen Gartenpflege in einem orthodoxen Kloster in Deutschland 2009 - 3 Wochen Katastrophenhilfe Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2011 - journey to Przemysl/Poland - and learning of basic Polish vocabulary and reading/pronounciation 2013 University of Tokyo - Conditions of war and peace - Coursera - Certificate 2013, December - after 15 years in mainly Russian-orthodox and Greek-orthodox affairs return to Roman-Catholic church 2014 National University of Singapur, Conservatory - Write like Mozart. Introduction to classical composition - Coursera Certifikate "with distinction"
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