Rationalisierung – 2 Beispiele

Heute, an einem durchschnittlichen Mittwoch gegen 9:45 Uhr, ging ich zum “Bürgeramt” der Stadtverwaltung, weil ich für einen Antrag auf Rundfunkgebührenbefreiung eine beglaubigte Kopie meines Sozialhilfebescheides brauchte. Das “Bürgeramt” ist ein hochmoderner Arbeitsplatzbereich mit 7 “Gondeln” zu je 3 Arbeitsplätzen, also insgesamt Platz für 21 Sachbearbeiter. Von diesen 21 Arbeitsplätzen waren 6 besetzt, an einem waren Monteure zugange, die irgendetwas reparierten / warteten, so daß also nur 5 Plätze tatsächlich operational waren. Im “Bürgeramt” ist ein Billetsystem fest installiert, was bedeutet, daß man Warteschlangen “organisiert”. Das Billetsystem besteht aus einem Halbautomaten, wo man ein Billet mit einer Warte-Nummer zieht und aus zwei Anzeigetafeln für den NUMMERN-AUFRUF in LCD-Technik, welche von den Arbeitsplätzen aus direkt steuerbar sind.

Nachdem ich die Beglaubigung erhalten hatte, mußte ich PORTO für einen NICHT-Standard-Brief kaufen, der AUSGEWOGEN werden mußte. Ich betrat also die Neusser HAUPTPOST, welches die EINZIGE noch verbliebene von der STAATS-POST betriebene HAUPTSTELLE in ganz Neuss  ist. Dort war eine VIEL GRÖSSERE WARTESCHLANGE als im “Bürgeramt” und ich kam auf die Idee, auch hier einmal die Arbeitsplatzanzahl mit der Anzahl der tatsächlich besetzten Arbeitsplätze zu ermitteln. Ich zählte also 8 klassische SCHALTER, von denen 4 besetzt waren, und 5 Beratungskabinen für Bankgeschäfte, von denen 2-3 NUR ZEITWEISE besetzt waren.

Nun würde man als gelernter Kaufmann SOFORT sagen, daß es doch eine UNGLAUBLICHE VERSCHWENDUNG ist, ARBEITSPLATZAUSSTATTUNGEN mit Computer, Drucker, Fotokopierer plus zugehöriger VERKABELUNG und modernen funktionalen Büromöbeln vorzuhalten, sie aber gar nicht zu nutzen. Man würde vielleicht sogar argumentieren, daß sich ein privatwirtschaftlicher Unternehmer dergleichen NICHT LEISTEN könnte.

Der ZWEITE wichtige Punkt ist: Wenn ich 30 Jahre zurückdenke, dann kann ich mich nicht erinnern, daß wir damals in (West-)Deutschland Warteschlangen hatten. Warteschlangen, das war etwas, was man nur aus der DDR und aus dem Englisch-Unterricht als “queuing” an britischen Bushaltestellen  kannte. Wir haben also insoweit in Deutschland eine VOM STAATLICHEN ARBEITGEBER GESTEUERTE FLÄCHENDECKENDE VERHALTENSÄNDERUNG erlebt.

So weit, so schlecht.

Jetzt ist die Frage: WARUM bemerken die staatseigenen betriebswirtschaftlichen Fachleute die ENORME FIXKOSTENBELASTUNG durch MANGELHAFTE KAPAZITÄTSAUSLASTUNG nicht? Also, ich weiß nicht so recht: Ich vermute nicht, daß die beim Staat arbeitenden “Kostenjäger” die hier geschilderte Schaffung von TECHNISCHEN ÜBERKAPAZITÄTEN nicht bemerken würden, denn das gehört, soweit ich weiß, immer noch zum STANDARD-AUSBILDUNGSPROGRAMM der Wirtschaftsschulen. Ich vermute aber, daß staatliche Kostenjäger ANDERE VORGABEN vom SYSTEM erhalten, zum  Beispiel unter dem GESAMTWIRTSCHAFTLICHEN ARGUMENT, daß TEUER-MODERNE BÜROEINRICHTUNGEN doch auch ARBEITSPLÄTZE in der HARDWAREPRODUZIERENDEN WIRTSCHAFT schaffen. Das Argument lautete also ungefähr: In der GESAMTRECHNUNG der GESAMTEN VOLKSWIRTSCHAFT ist es “billiger” technische Überkapazitäen aufzustellen als ARBEITSLOSE durch NICHT-VERKAUFTE ÜBERPRODUKTION zu haben.

FALLS DIES LETZTERE DAS ARGUMENT SEIN SOLLTE, daß es also NUTZBRINGEND ist ARBEITSLOSE dadurch zu vermeiden, daß der STAAT technische Überkapazitäten vorhält und also eine KÜNSTLICHE PRODUKTNACHFRAGE am Markt schafft, die selbstverständlich auch noch THEORIEWIDRIG im Hinblick auf “freie Märkte” und “nicht-verzerrten Wettbewerb” wäre, dann würde ich unmittelbar vermuten, daß hier ein ERHEBLICHER DISKUSSIONSBEDARF existiert.

Daß bei diesem Argument irgendetwas nicht stimmt, merkt man sofort, wenn man einmal ein anderes Beispiel nehmen würde. Würde nämlich HYPOTHETISCH ein Arbeitsloser beantragen, daß er zur gesamtwirtschaftlichen Anschubfinanzierung einen ZWEITEN HAUSEIGENEN ARBEITSPLATZ mit Schreibtisch plus kompletter Desktoptechnik plus eventuiell einem zusätzlichen Zimmer benötigt, dann würde man ihn sehr wahrscheinlich sofort rausschmeissen – und zwar wegen Verhonepiepelung und Mißachtung der hoheitlichen  Amtswürde!

So bleibt also alles, wie es ist und wir können für die politische Analyse festhalten: In Deutschland hat man im staatlichen und halbstaatlichen Unternehmen nach Bereichen zu suchen, wo zwischen 2/3 und 1/2 der vorgehaltenen Arbeitsplätze gar nicht personell besetzt sind. Das hinwiederum ist immer noch besser als der Zustand bei der Bahn, wo angeblich zwischen 6-8 Millionen ÜBERSTUNDEN wegen ABSICHTLICHER PERSONELLER UNTERBESETZUNG aufgelaufen sein sollen, welche nach irgendwelchen Schätzungen einem Betrag von ungefähr 680 MILLIONEN EURO entsprechen sollen.

So wir brauchen noch ein kleines ZAHLENGERÜST, damit wir wenigstens eine AHNUNG bekommen, von welchen FINANZBETRÄGEN wir hier geredet haben!

Rechnen wir also 1 Arbeitsplatzausstattung mit allen Desktop-Computergeräten plus  Instandhaltungskosten für das erste Jahr ganz grob zu 1000,00 Euro/pro Platz, dann hätten wir

– Neusser Rathaus, Abteilung Bürgeramt

15 nicht belegte Plätze a 1000,00 Euro = 15.000,00 Euro

– Neusser Hauptpost

7 nicht belegte Plätze a 1000,00 Euro = 7.000,00 Euro.

Das macht also für Neuss einen Betrag bei zwei Kostenstellen-Verantwortungen von 22.000,00 Euro

Jetzt VERMUTEN wir, daß es in Deutschland insgesamt 75 Städte gibt, die eine ähnliche Größe wie Neuss haben und wo ÄHNLICH VORGEGANGEN wird.

Das ergäbe:

22.000,00 Euro x 50 Städte =  1.100.000,00 Euro

Davon würden einem Unternehmensberater vielleicht 1 % Honorar zustehen, was ergäbe 11.000,00 Euro, die dieser Artikel in Geld WERT ist!

Falls es extra gesagt werden muß: Diese Zahlen liegen natürlich zwei- viermal ZU TIEF!

PS: Mir fällt gerade noch ein, daß es zeitweise besetzte  bzw. unbesetzte, aber technisch voll ausgestattete Arbeitsplätze auch zum Beispiel in SB-Grossmärkten und Diskountern gibt, wo die Prozentzahlen – also 2/3 – 1/2 der Plätze unbesetzt – sehr ähnlich sein können.

-xxx-

Follow up 31.03.2014

Erstaunlicherweise hat es ein halb-offizielles Feedback auf die hier geschilderten Beobachtungen gegeben, in dem eine Art “bottle-neck-Argument” vorgetragen wurde, wo man also zum Abfangen von Arbeitsspitzen eine gewisse Reserve-Kapazität bereithält. Dieses Argument würde vielleicht viel klarer werden, wenn die genannten Prozentzahlen nicht bei unbesetzten  2/3 – 1/2 der technisch voll ausgestatteten vorgehaltenen Arbeitsplätze liegen würden.

Buike Science And Music

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About bbuike

- *1953 in Bremen / Germany - since decennia in Neuss / Germany - classical composer (registered since 2005) - scientific freelance writer - registered to German National Library "Deutsche Bibliothek", search "Bruno Buike", with 246 items in 2013 1996-97 - 5000 qm Rekultivierung Obstwiese mit Kleintierhaltung 2004/05 - 3 Wochen Gartenpflege in einem orthodoxen Kloster in Deutschland 2009 - 3 Wochen Katastrophenhilfe Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2011 - journey to Przemysl/Poland - and learning of basic Polish vocabulary and reading/pronounciation 2013 University of Tokyo - Conditions of war and peace - Coursera - Certificate 2013, December - after 15 years in mainly Russian-orthodox and Greek-orthodox affairs return to Roman-Catholic church 2014 National University of Singapur, Conservatory - Write like Mozart. Introduction to classical composition - Coursera Certifikate "with distinction"
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