Wanda Landowska und Oginskis Polonez: Eine Offenbarung

Leonid Pasternak. Concert of Wanda Landowska i...

Leonid Pasternak. Concert of Wanda Landowska in Moscow (1907), a pastel from the Tretyakov Gallery. (Photo credit: Wikipedia)

  1. Seit Monaten liegt bei mir  ein polnischer Nationalschatz auf dem Schreibtisch, die berühmte Polonaise “Pożegnanie Ojczyzny” von Michael Kleofas Oginski, deren Titel man in Deutschland gewöhnlich übersetzt mit “Abschied vom Vaterland”, was als praktischer Notbehelf der Übersetzung  durchgehen mag, auch wenn ein bischen das originale FEELING der Originalsprache dabe verloren geht.  Das ist ein Stück, das in Polen wirklich JEDER kennt – hier in Deutschland stirbt die Musik, die jeder kennt, schon seit Jahrzehnten  und genauso  ist auch der kulturelle Verfall –  und entsprechend behutsam ging ich mit der Idee um, davon eine Version für GROSSE ORGEL zu schreiben.
  2. Aber mir fiel nichts Gescheites ein. Denn diese so unmittelbar einleuchtende Musik, die so SCHEINBAR “süffig runtergeht”, ist im originalen – oder halbwegs originalen – Klaviersatz – speziell von diesem  Polonez gibt es irgendwas mehr als 30 Versionen! – mit einer unglaublich anspruchslosen Begleitstimme versehen, die wirklich einfach langweilige Standardfloskeln enthält. In der Tat, hatte ich grosse Schwierigkeiten, überhaupt zu verstehen, wie man über diese Standardbegleitung 2 Oktaven höher eine Melodie legen kann, die dann absolut unverwüstlich ist.  Und ferner: diese Standardbegleitung, die für Klavier durchaus WIRKT, muss keineswegs auf einer Orgel wirken, jedenfalls nicht notwendig so, wie ich mir das vorstellte: Wenn man es hübsch ahnungslos 1:1 auf Orgel überträgt und dann noch unbedarft registiert, dann gäbe es einen herrlichen dumpfen Klangbrei, was ich vor allem mir selbst ersparen wollte.

  3. Ich habe dann ein bischen rumprobiert – und zum Beispiel einmal die Melodie eine Oktave tiefer gelegt und ein andermal die Begleitung eine Oktave höhergelegt.  Und ich hatte irgendwie nicht die leiseste Idee, wie man das Problem der Akkordfüllungen angehen sollte. Ja, na klar: wer ein bischen Musik gelernt hat, der wird schon was zusammenklimpern. Aber das war es nicht, was ich suchte. Ja richtig, was suchte ich eigentlich? Nun, ich suchte den Klang, der mit grosser GESTE zu zelebrieren wäre auf einer dieser – natürlich in Deutschland ziemlich unbekannten – unverfälscht herrlichen,  grossen POLNISCHEN ORGELN, die noch aus einer Zeit stammen, als Kultur in Europa ganz selbstverständlich durch engstirnige Nationalismen überhaupt nicht aufgehalten werden konnte und die Orgelbauer FREI umherwanderten, so daß also speziell in Polen (und Ukraine und in Ungarn zum Beispiel unter Matthias Corvinius)  ITALIENISCHE EINFLÜSSE zuhauf zu finden sind, dann aber auch Einfluß süddeutscher Orgelbautradition  und mitteldeutscher Musik- Traditionen – wo man natürlich gleich an Namen wie Silbermann und Bach denken muß. Ich muß zugeben, da ist auch bei mir, der ich immerhin mir selbst gelegentlich schmeichle, doch immerhin ganz passabel Kenntnis angehäuft zu haben, selbst ich muß also zugeben, das da etwas ist, was nicht sein sollte und auch gar nicht sein muss, nämlich “tabula rasa”, also NICHTS, NULL DATEN  – und das  bei mir “Westeuropäer” : Was ich jetzt alles an polnischen Bezügen und Beiträgen zu europäischer Kultur entdecke, weil ich Polnisch lerne, um das Andenken meiner Mutter zu ehren, die ausgerechnet im 2.Weltkrieg als halbes Bauernmädchen irgendwie bis in die Gegend von Przemysl und Rawa Ruska gekommen ist – Polen brauche ich nicht zu sagen, was da damals los war, und die Deutschen wollen es vermutlich gar nicht wissen! – was ich also jetzt alles entdecke, ist im Grunde eine GROSSE BESCHÄMUNG, daß es nämlich allgemein niemand nicht weiß. Ich greife nur eine berühmte Orgel heraus, die Orgel von Swienta  Lipka (oder: Heiligenlinde), die von einem heute im Westen völlig vergessenen Orgelbaumeister aus KÖNIGSBERG /Kaliningrad stammt. Hand auf`s Herz: Wußten Sie, daß es in Königsberg vordem Orgelbau hatte, damals, bevor die beiden BARBAREN Hitler und Stalin mit Militär- und Henkersstiefeln alles niedergetrampelt haben?

Ich übertreibe wahrscheinlich nicht, wenn ich vermute: In Polen ist es wie in Frankreich! Wie in Frankreich scheinbar jedes kleine Städtchen im Mittelalter nichts anderes zu tun hatte, als sich eine hochberühmte gotische Kathedrale zuzulegen, so hatten ganz ähnlich die Leute in Polen Kirchenbau als eine Lieblingsbeschäftigung, und zwar – etwas anders als in Frankreich – in Gotik und dann im aristokratischen BAROCK. Man geht also auf`s Geratewohl in einer polnischen Stadt in irgendeine alte Kirche – und sollte dann fast zwangsläufig auf BEDEUTENDE ARCHITEKTUR stoßen und ebenso BEDEUTENDE ORGELN. Mir ist das etwa aufgefallen am Beispiel der Stadt Torun, – offizielle homepage, po polsku, German, English – deutsche WikipediaTorun virtueller Rundgang   –  deren Namen noch aus der Kreuzzugszeit und aus dem Südlibanon stammt: da gibt es zwei bedeutende Kirchen, Sw. Jakuba Apostola und die Kirche von den “beiden Johannessen” (nämlich des hl. Johannes des Täufers und des Evangelisten Johannes, jetzt Kathedralkirche eines Bischofssitzes)  – und beide haben so bemerkenswerte Orgeln, daß dort jetzt sogar Orgeltage (z.B. im Rahmen des Baltischen Festivals) stattfinden! Und das ist, wie gesagt, nur einer der vielen ungehobenen SCHÄTZE Polens.

  1. So, da hatte ich also geschafft, die Polonaise Polonez von Oginski wenigstens auf Geige zu spielen – und zwar recht passabel – aber für das Orgel-Arrangement wollte und wollte sich keine zündende Idee einstellen – bis ich auf Wanda Landowska   stieß, rein zufällig bei irgendeiner Recherche in youtube.  Keine Bange und völlig hoffnungslos: Die kennt hier in Deutschland und heute im fortschrittlich verfetteten Wohlstand KEIN MENSCH mehr, auch  die “gebüldet sein Wollenden” nicht!

Jüdischer Friedhof Frankfurt

Dabei war die Landowska einmal – so um 1903 und dann in der Zwischenkriegszeit bis etwa 1935  herum – REVOLUTIONÄR FEDERFÜHREND bei der WIEDERERWECKUNG des CEMBALOS zu einem MODERNEN KONZERTINSTRUMENT – und zwar in EXPERIMENTELLER Kooperation mit der französischen Instrumentenbaufirma Pleyel. Oh, sie war nicht nur das: Die Landowska gehörte zu den  Protagonisten  bei der Wiederentdeckung ALTER MUSIK, sie war keineswegs nur eine Bach-Spezialistin, die zum Beispiel die Goldberg-Variationen ERSTMALS (?) WIEDER im ORIGINALEN GESAMTZUSAMMENHANG REKONSTRUIERT UND AUFGEFÜHRT hat. [ Ich lese beispielsweise in English Wikipedia: “She was the first person to record Johann Sebastian Bach’s “Goldberg Variations” on the harpsichord (1931).” ]

Und Wanda war JÜDIN – und deshalb mußte sie PARIS, das ihr ureigenster Entfaltungsraum – einschliesslich französischer Staatsbürgerschaft – geworden war, 1940 fluchtartig verlassen, bis sie dann in den USA wieder ihr künstlerisches Schaffen fortsetzen konnte, was aber viele andere Emigranten nicht geschafft haben. Kurzum: eine starke Frau, deren Kunst von einer grossen inneren Energiequelle gespeist wurde … Ich erwähne ihre JÜDISCHE HERKUNFT übrigens deshalb EXTRA und GESONDERT, weil Herr Thilo Sarrazin kürzlich sich bezüglich jüdischer Genetik in einer derartig unbedarften Art und Weise zu Worte gemeldet hat, daß ich nur eine einzige Nachricht verstanden habe, nämlich, daß jüdische Gene HEUTE in Deutschland wieder ein PROBLEM sind – SCHON WIEDER – und das REIZT MEINEN WIDERSTAND – gemäß deutscher Verfassung bin ich und JEDER BÜRGER  gemäß Artikel 20,4 zu Widerstand gegen Diktatur und einen VERBRRECHERISCHEN STAAT AUSDRÜCKLICH ERMÄCHTIGT, was die Kohl-Regierungen in die Verfassung reingeschrieben haben, weil die Deutschen sich diesbezüglich SELBER NICHT TRAUEN können, und zwar zu Recht, wie man jetzt überall wieder sehen und erfahren kann! – , weil ich nämlich selber sehr wahrscheinlich etwas “jüdische Genetik” habe … So, und “die Landowska” hat 1951 eine Vinylplatte aufgenommen mit “Alten Tänzen aus Polen” – und diese Aufnahme war in youtube, aber – oh, Wunder – gespielt auf einem CEMBALO – und WAS für einem Cembalo!

  1. Kurz und gut: Die Interpretation und Bearbeitung / Adaption für Cembalo von Wanda  Landowska traf mich wie ein Blitz: SO ÄHNLICH MUSSTE ICH ES AUF DER ORGEL VERSUCHEN  — ( Ich weiß gar nicht, ob sie jetzt im akademischen Kompositionsunterricht – den ich selbst übrigens nie hatte, was meine Begabung unter heutigen Umständen, wo alles VERWERTET und PASSEND gemacht wird,  aber sehr wahrscheinlich “gerettet” hat! – ob man also heute  noch erwähnt, daß Cembalo und Orgel eine “gewisse Verwandtschaft” haben und daß  Komposition, die EINSTIMMIG nicht wirkt, wahrscheinlich auch mehrstimmig nichts taugt …) — Also, war ich auf meine hier notwendige INSPIRATION getroffen – und in einem Zug schrieb ich den hier eingefügten “MARSCH” aus der Polonaise Polonez von Oginski nieder – und das ganze Stück war in bloß 3 Tagen fertig – und zwar völlig “leichtfüssig” und “unangestrengt”, weil vermutlich ziemlich ambitionslos ….  Vielleicht müßte ich noch eine Rose auf ein jüdisches Grab legen … denn überall wo ich hinkomme, führt mich irgendetwas zu den jüdischen Friedhöfen, die ich mit traumwandlerischer Sicherheit auch dann finde, wenn ich sie gar nicht suche … (Mir fällt gerade ein, daß die Hebräer aber eigentlich kleine Steine am Grab zu einem kleinen Steinmanderl aufhäufen …)

An excellent example of phrasing POLONEZ / Polonaise from youtube channel ” Tomasz5500 ” which might be added in imagination to my computersound

There are two reasons, NOT to speak about music TOO much: a) If the music is disgusting  – just shut up and forget it. b) If the music is a pleasure: Well, don`t interfere with words! So, very well YES, I did some preparatory STUDIES on the subject at hand and I figured out following MAIN problems:

  • I had to avoid pink-red bonbon colours in sound and in harmonics.
  • I had to find out something about a NEAR TO ORIGINAL FORMAL structure.

  • And I had to apply something, that only can be gained from EXPERIENCE in music writing, which I am NOT talking about here, because of my competitors. We however may add: Normally an arranger may consider himself  really happy, if he managed to keep up with the musical substance of the original. In this case however I may say, that something strange happened, as if  finishing touches in cutting gem stones bringing  out the true brilliance and splendor of the original music.

Well. the time of the great composers has gone and there are no really remarkable composers in Europe at moment. And so I was really content, with what nevertheless has been achieved here, an ARRANGEMENT for a NATIONAL POLISH TREASURE, that will make Poles all over the world WEEP and that will make the men rising to their feet to stand for their country in pride and – yes – a little bit GLORY!

Buike on Oginski Polonez – great organ BBWV 27 – a minor – 2012  – free audio https://www.youtube.com/watch?v=Cluaxrh2xzI  –  sheetmusic  https://drive.google.com/drive/folders/0B1t7i0ntyxTyZUNQUE1OVWFhVFE

Buike on Oginski Polonez – string orchestra BBWV 75 – d-minor – 2013 –  free  audio https://www.youtube.com/watch?v=0bxCw8av89Q   – sheetmusic https://drive.google.com/drive/folders/0B1t7i0ntyxTyN0t3aWdzUXVUTkU 

Buike on Oginski Polonez – military (wersia woiskowe) BBWV 148 – d-minor – 2013 – free audio https://www.youtube.com/watch?v=lBvFnnD4urE   – sheetmusic https://drive.google.com/drive/folders/0B1t7i0ntyxTyX29zdmtUT1NzTFE

Buike on Oginski Polonez – great orchestra  BBWV 149 – d minor – 2013 – free audio  https://www.youtube.com/watch?v=OSOb2SWqUG8  – sheetmusic https://drive.google.com/drive/folders/0B1t7i0ntyxTyX29zdmtUT1NzTFE  — https://drive.google.com/drive/folders/0B1t7i0ntyxTyX29zdmtUT1NzTFE

Ah, well: THIS PIECE OF MUSIC IS NOT FROM GERMANY AND IS NOT WRITTEN FOR GERMANY, in which recently I was critisized VERY HARSHLY, in spite of the fact, that I so far have not seen such a lot of collegues, that would be able to do better, which however prefer, not to engage in such levelled works – for reasons they only themselves – perhaps – know …

Buike Science And Music

PS: Rather surprisingly this blog entry has found interest in http://cameralmusic.plwhich I recommend herewith. Otherwise to keep yourself informed about actual developements in cultural Poland  a good guess would be to have a look into  the CULTURE-section in main  Polish Embassies in main languages … If coming from Westeuropean socalled “well informed observers” – newspaper-readers and so forth – you normally may be able, to such avoid  experiencing a little shock WHAT SO FAR ESCAPED YOUR ATTENTION in culture of every level and every field of talent flourishing in vaste abundance in Poland …

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About bbuike

- *1953 in Bremen / Germany - since decennia in Neuss / Germany - classical composer (registered since 2005) - scientific freelance writer - registered to German National Library "Deutsche Bibliothek", search "Bruno Buike", with 246 items in 2013 1996-97 - 5000 qm Rekultivierung Obstwiese mit Kleintierhaltung 2004/05 - 3 Wochen Gartenpflege in einem orthodoxen Kloster in Deutschland 2009 - 3 Wochen Katastrophenhilfe Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2011 - journey to Przemysl/Poland - and learning of basic Polish vocabulary and reading/pronounciation 2013 University of Tokyo - Conditions of war and peace - Coursera - Certificate 2013, December - after 15 years in mainly Russian-orthodox and Greek-orthodox affairs return to Roman-Catholic church 2014 National University of Singapur, Conservatory - Write like Mozart. Introduction to classical composition - Coursera Certifikate "with distinction"
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