Ein polnischer Abend

Bruno Antonio Buike, Neuss
freelance writer – registered to German National Library Catalog
https://brunobuike.wordpress.com

Ein polnischer Abend

1. Einleitung

Es ist ein Spezifikum, daß die polnische Auslandsvertretung in Deutschland einen STARKEN Akzent auf KULTUR setzt, der in unserer ach-so-modernen Zeit manche  ERSTAUNEN dürfte.  Wir verdanken dieser STRATEGISCHEN Ausrichtung ein SEHR INTERESSANTES deutsch-polnisches Joint-Venture in Form des Projektes „Klopstanga“, das über das ganze Jahr 2012 verteilt  einen bunten Strauß teils exquisiter Kulturveranstaltungen offeriert, nicht irgendwo, sondern – na klar – in Nordrhein-Westfalen, dessen Landeshauptstadt Düsseldorf nicht nur eine recht frische Partnerschaft mit Warschau unterhält (und seit neuestem sogar mit Moskau!) und dessen Bevölkerung bis auf den heutigen Tag noch starke FAMILIENBINDUNGEN  nach Polen hat, weil bekanntermaßen bis etwa 1930 eine STARKE ARBEITSMIGRATION von Polen nach NRW stattgefunden hat, bevor dann der „GRÖFAZ“,  der „größte Feldherr aller Zeiten“, diese sozusagen natürlichen Verbindungen einfach unterbrach und abschnitt!

Zu berichten ist also von einem Abend, Donnerstag, 10.Mai.2012, mit einem teils  verblüffenden, teils provozierenden  Thema:

„ Der deutsche Barbar und der polnische Faulpelz. Entstehung und Wandel von Stereotypen in der gegenseitigen Wahrnehmung von Polen und Deutschen.“

Eingeladen hatte eine gewisse „Adalbert-Stiftung“ mit Sitz in Krefeld, deren Hauptaugenmerk liegt auf EUROPÄISCHEN THEMEN, die auch einen Referenten stellte, nämlich Herrn Univ. Prof. Dr. Hans Süssmuth von der Universität Düsseldorf, aber wohnhaft in – oh Wunder – NEUSS, woselbst es eine rührige Privatinitiative zur Unterstützung der Arbeit des Stadtarchivs gibt,  in dessen Räumen der Abend unter Beteiligung des Hausherrn und Archivleiters, Herrn Dr. Jens Metzdorf stattfand,  nämlich das „Forum Archiv und Geschichte, Neuss e.V. unter dessen Leiter, Herrn RA Martin Flecken, der ja im kulturellen und politischen Neuss kein Unbekannter ist.

Falls jemand fragt, was das Stadtarchiv Neuss mit POLEN zu tun hat, so belehrte der Leiter desselben, Herr Dr. Jens Metzdorf, in seiner kurzen Begrüssungsansprache, daß das Stadtarchiv Neuss wie viele andere deutschen Archive  historische Dokumente besitzt – nun, ja – über ZWANGSARBEITER, unter anderem und auch aus Polen …
Der Gesamtkomplex „Zwangsarbeiter“, der ja nicht nur Polen betrifft, ist aber genau das, was das polnische Wort „TRUDNO“ bezeichnet, nämlich VERWICKELT schwierig“, „vertrackt kompliziert“, so daß der Berichterstatter hier diplomatische Kürze beobachten möchte, zumal der Student der Geschichte ohne größere Schwierigkeiten sich selbstständig bereits zusammengetragenes Material beschaffen kann.

Von polnischer Seite erschienen die Referenten
– Wawrzyniec Smoczynski – Redakteur des Nachrichtenmagazins  Polityka, Warschau
– Basil Kerski – Leiter des Europäischen Zentrums der Solidarnosc, Danzig.

Man wird nun nicht unbedingt voraussetzen können, daß das Alltagspublikum den Unterschied zwischen einem Nachrichtenmagazin und einer Tageszeitung unbedingt auswendig parat hat, aber der durchschnittliche deutsche Interessent dürfte eventuell sich angesprochen gefühlt haben von der Erwähnung der Solidarnosc, deren Chef und spätere polnische  Staatspräsident, Lech Wałęsa  sozusagen ein „Held der Herzen“ auch in Deutschland ist – sofern nicht gewisse ideologische FILTER  verhindern, wenigstens den PERSÖNLICHEN MUT von Lech Wałęsa  zu erkennen und zu respektieren!

Daß dem Abend von polnischer Seite eine gewisse Bedeutung zugemessen wurde, erhellt aber nicht nur aus den Arbeitsgebieten der Referenten, sondern wurde unterstrichen durch die Anwesenheit der Leiterin des Polnischen Kulturinstituts in Düsseldorf, Frau Direktorin Katarzyna Sokolowska. Man kann nur vermuten, daß da eventuell eine Querbeziehung besteht zur Vorbereitung des traditionellen „Fischessens“ der Neusser CDU, dessen  Hauptgast dieses Jahr der ehemalige polnische Außenminister Pan Władysławie  (Bartoszewski) sein soll, wie man hört … Ich bitte um Entschuldigung – przepraszam! -, sollte ich den hier erforderlichen polnischen Vokativ, fehlerhaft gebraucht haben.

Wir berühren an dieser Stelle schon den nächsten heiklen Punkt, wo es für mich als Berichterstatter „TRUDNO“ wird, „irgendwie vertrackt“.

Die Frage ist nämlich, ob ich überhaupt der geeignete Berichterstatter bin.
Werde ich insbesondere überhaupt befähigt sein, die Stimmungslage des anwesenden DEUTSCHEN Publikums korrekt wiederzugeben?

Denn dadurch, daß ich 2011 in OST-Polen war, daß ich ferner inzwischen bei den Vokabeln bis Lektion 62 von 100 der Level A1-B1 vorgedrungen bin, obwohl ich natürlich noch nicht viel aktiv sprechen kann, bereits dadurch bin  ich  „polnisch INFIZIERT“.

Steffen Möller würde davon ausgehend sogleich die Vermutung anschliessen, daß ich beginne,  ein „BETWEENER“ zu werden, jemand, der ZWISCHEN Polen und Deutschen steht, der also auch irgendwie schon nicht mehr „richtig deutsch“ ist.

Es war also für mich sogar leicht VERSTÖREND, daß zum Beispiel die Erwähnung des Namens von Steffen Möller, den in  Polen jeder kennt, an DIESEM  Abend vor DIESEM  Publikum nicht die geringste erkennbare Reaktion auslöste …

Ja, und wenn das keine Reaktion auslösen konnte, was würde dann überhaupt Reaktionen auslösen können – außer natürlich das Reizwort „Erika Steinbach“ und deren „Vertriebenenverbände“, mit dem aber dann wieder ich selbst wirklich fast gar nichts „anfangen“ kann, weil ich in jenem Teil Polens war, wo die  k.u.k. österreichisch-ungarische Geschichte erinnert wird und wo es auch außer Goethe-Instituten seltsamerweise „österreichische Bibliotheken“ gibt, was ich glatt als Sympathiebeweis werten würde …

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Um es gleich vorneweg zu sagen:

Der Abend hatte nur sehr wenig mit einer AKADEMISCHEN Abhandlung des wisssenschaftlichen Standes der gegenwärtigen STEREOTYPFORSCHUNG im Forschungsbereich „Politik und Internationale Organisationen“ zu tun.

Man möchte fast ausrufen: „Gott sei Dank nicht!“

Denn auf diese Weise wurde das Publikum verschont von STATISTISCHEN BEWERTUNGSPROFILEN nach Art von GRUPPEN-SCHÄTZLEISTUNGEN über Probleme mit unvollständiger Information, von denen man gar nichts genaues nicht wissen kann!

Wenn man will, dann gab es allenfalls „referentielle Anspielungen“:

Ja, es wurde kurz auf den „deutschen Barbaren“ eingegangen, allerdings so kurz, daß man es auch hätte weglassen können.

Ein Referent hatte sogar die Kühnheit, diesen unsäglichen Polenwitz zu kommentieren, der so geht:
„ Kommen Sie nach Polen! Ihr Auto ist schon da!“
Er fügte  jedoch trotz aller Selbstironie hinzu, daß das SO NICHT MEHR GANZ STIMME,
denn jetzt seien auch VIELE POLNISCHE AUTOS in Deutschland, wo sie aber aufhören „polnische Autos“ zu sein, weil sie von Deutschen GEKAUFT werden.

Auf Hochdeutsch:
HEUTE exportiert das Volkswagenwerk Poznan nach Deutschland Autos, die deutsche Endkonsumenten gar nicht mehr ohne weiteres als „polnische Fabrikate“ erkennen können,
HEUTE fahren in etlichen deutschen Städten – auch in Neuss – SOLARIS-Busse mit Hybridtechnologie aus Poznan, die im Ursprung eine Art MAN-Clon sind, wobei MAN dieses Geschäft an und für sich heute selber gerne machen würde, obwohl Polen heute für MAN schon längst anderweitig das wichtigste Land in Europa geworden ist,
HEUTE exportiert auch FIAT Polski in absolut vergleichbaren Qualitäten nach Deutschland.

Ich darf hier hinzufügen: dieses Erstarken der Automobilexporte ist kein Wunder und nicht als Zufall vom Himmel gefallen, sondern beruht auf dem  STARKEN polnischen Ingenieursausbildung – Sektor und auf der HISTORISCHEN TATSACHE, daß Polen in kommunistischer Zeit für den GESAMTEN COMECON-Bereich BUSSE gebaut und eportiert hat … Busse, die übrigens auch heute noch FAHRTÜCHTIG sind, wenngleich sie für Deutsche eventuell doch STARK nostalgisch wirken könnten …

Ich darf ferner hinzufügen, daß mir selbst sehr zweifelhaft ist, ob es überhaupt „einen polnischen Faulpelz“ gibt.  Denn ich war 2011 in Polen und sah  mit meinen eigenen Augen zu meiner maßlosen Verblüffung, daß abends um 21 Uhr die Leute vom Straßenbau noch arbeiteten, was kein besonders typisches Bild in Deutschland wäre …

Und wenn ich das sagen darf: Polen ist BOOM-Land – und es gibt keinen BOOM, wo nicht sogar „eventuelle Faulpelze“  von den allgemeinen „ROARING ACTIVITIES“ aufgeschreckt werden …

Der Abend war noch nicht einmal in irgendeinem Sinne „universalhistorisch“ oder „polyhistorisch“  angelegt.

Wir hörten also nichts über Jan Sobieski und die Rettung Wiens im Jahre 1683, nichts von den alten Beziehungen seit August dem Starken zwischen speziell Sachsen, Dresden und Polen, nichts auch von dem Grab des Stephan Bathory, Königs von Ungarn auf dem Wavel, der alten Königsburg, in Krakau, nichts von der HANSE   –  kurzum, wir hörten nichts von alle dem , was hätte zeigen können, das Polen schon SEIT JEHER  ein GEWACHSENER TEIL der EUROPÄISCHEN GESCHICHTE ist.
Wenn ich es einmal euphemistisch ausdrücken darf :
DASS Polen ganz selbstverständlich ein durch und durch EUROPÄISCHES PHÄNOMEN ist, wurde sozusagen STILLSCHWEIGEND vorausgesetzt – obwohl ich da so meine Zweifel hätte, was davon beim anwesenden deutschen Publikum überhaupt PRÄSENT war und AKTUELL ERINNERT wurde.
Man könnte aber auch etwas weniger euphemistisch sagen, daß dieser ÄLTERE Teil der gemeinsamen Erinnerungen ausgeblendet wurde, weil die GEGENWART mit ihren SCHWEREN PROBLEMEN viel DRINGENDER empfunden wurde.

Und genau vor diesem Hintergrund der GEGENWART und ihrer ANFORDERUNGEN, mag es dann durchaus gerechtfertig sein, daß wir auch nichts hörten über zum Beispiel jene Mentalitätsgeschichte zwischen den Weltkriegen, die sich gespiegelt findet in den Aufzeichnungen des Hitler-Attentäters Stauffenberg und seiner Mit-Verschwörer, die man bezüglich Polens als durchaus aus heutiger Sicht leicht gewöhnungsbedürftig bezeichnen könnte.

Es ist eben TRUDNO, VERTRACKT … und zwar auf beiden Seiten … und muss man TROTZDEM VERSUCHEN irgendwie WEITER zu kommen … mit dem, was HEUTE DRAN ist, HEUTE gemacht werden muss …

Insoweit finde ich die gewisse EINENGUNG des FOKUS der AUFMERKSAMKEIT auf die ZEIT des UMBRUCHS SEIT DEM ENDE DES KOMMUNISMUS gewissermaßen verständlich, wo also noch nicht einmal die SCHWEREN TRAUMATA des Zweiten Weltkriegs explizit behandelt wurden – ganz zu schweigen von den Traumata des ERSTEN Weltkriegs, die ja heute SPEZIELL in Deutschland kaum noch jemand überhaupt weiß.

Was wir also hörten,  stammte von POLNISCHEN ZEITZEUGEN des UMBRUCHS seit ungefähr 1987, die es LEBENDIG SELBST ERLEBT haben und erleben  – und zwar als INTELLIGENTE, JUNGE BEOBACHTER und TEILNEHMER.

In der Tat: Es fällt  die JUGEND der polnischen Akteure auf – die jedenfalls an diesem Abend STARK konstrastierte mit dem deutschen Teil des Publikums, das auch der wohlmeinendste Beobachter nicht umhin gekonnt hätte, denn als
„honorige Altherren-Mannschaft“ versuchsweise zu beschreiben.
Ein „thumber Thor“ der jetzt wissen möchte, wo die JÜNGEREN Angehörigen der deutschen Intelligentsia diesen WICHTIGEN Abend  verbracht haben mögen?!

Man könnte auch etwas bösartiger fragen: Wenn man für die Kriegsgeneration EUROPA als eine Herzensangelegenheit bezeichnen kann, wenn man für die Aufbaugeneration danach EUROPA als Machbarkeits – und Managementproblem beschreiben kann, als was wird die junge deutsche Generation, die an diesem Abend ABWESEND war, Europa beschreiben???
Vielleicht als „partyschädlich“??!!

Ich selbst fand übrigens, daß sich die polnischen Referenten wunderbar ergänzten:

Da war einmal der intellektuelle Kopf von der Zeitung mit BESTECHENDER POLITISCHER ANALYSE, der ganz aktuell die Diskussionen und die Hauptakteure  kennt und erlebt und zutreffend davon berichten konnte.

Dieser kluge Kopf, den man sich merken sollte,  besaß zum Beispiel soviel Souveränität, daß er Erika Steinbach als „innerdeutsches Problem“ bezeichnen konnte, was besagen sollte, daß sie mit ihren IRRITATIONSVERSUCHEN in Polen selbst gar nicht mehr „ankommt“, was, wie ich erstaunt erfuhr, auch die Generallinie der Einschätzung  des gegenwärtigen deutschen Aussenministers ist, die AUSDRÜCKLICH positiv erwähnt wurde.

Dieser Redakteur konnte ganz frisch stattdessen berichten, daß ALTE  AUFGEREGTHEITEN schon längst ABGELÖST WERDEN durch eine ALLTÄGLICH-NORMALE BILATERALE  ARBEITSATMOSPHÄRE, wo technisch-ökonomische Ad-hoc-Probleme völlig unprätentiös gelöst werden müssen und auch gelöst werden:
Gerade dies leuchtet speziell mir sehr ein, denn man kann einfach nicht die ALLTAGSARBEIT von 6000 deutschen Firmen in Polen mit derartigem ATAVISTISCHEN Empfindlichkeiten belasten, wie das der deutsche Verband der Vertriebenen immer noch tut.  Es geht wirklich nicht, denn es stehen keine GEFÜHLE zur Disposition, sondern der GEMEINSAME ÖKONOMISCHE NUTZEN, und was man DAFÜR tun muss, beherrscht die Szene.

Es ist  RATIONALE ÖKONOMISCHE ANALYSE, die die polnische Seite  überhaupt befähigt, diesen unsäglichen diplomatischen FAUX PAS der Ostsee-Pipeline – ausgehandelt zwischen Gerhard Schröder und Russland – einzuordnen in das ökonomische Gesamtbild und dann als das zu BEWERTEN, was er  TATSÄCHLICH ist, nämlich ein ärgerliches FAIT ACCOMPLI, das aber nicht lebensbedrohlich ist. DASS dieser Vorgang aber immer noch erwähnt wird, sollte uns hellhörig machen, daß die Polen WISSEN, was man unter GUTER Arbeitsatmosphäre zu verstehen hat – ganz abgesehen davon, daß man hier auch etwas lernt, WIE Gerhard Schröder gelegentlich immer noch wahrgenommen wird, nämlich reichlich „hemdsärmelig“ … was freilich Deutsche, die ihn ja schon länger kennen, nicht verwundert, jedenfalls „nicht wirklich“, wie man in Polen sagen würde.

Und damit bin ich angekommen bei dem , was ICH als HAUPTEINDRUCK mit nach Hause genommen habe, ich, der ich bestimmt der UNTYPISCHSTE deutsche Zuhörer des Abends war.

Mir also scheint:
Hinter den langsam verblassenden ALTEN Stereotypen, die ja auch GeschichtsKENNTNIS voraussetzen, die besonders in Deutschland als problematisch gering einzuschätzen ist, scheint mir etwas ganz NEUES zu entstehen, nämlich ein  gegenseitiges ANEINANDER-VORBEI-REDEN und ein gewissermassen RATLOSES gegenseitiges mehr praktisches Unverständnis.

Und vor allem: ES HAT SICH NOCH LÄNGST NICHT ÜBERALL HERUMGESPROCHEN, DASS DAS HEUTIGE POLEN MIT DEM POLEN in den Vorstellungen der Erika-Steinbach-Generation NICHT MEHR DAS GERINGSTE ZU TUN hat!

Oder etwas brutaler: Der Zweite Weltkrieg und die Zeit danach haben Polen nicht bloß verändert, sondern UMGEPFLÜGT – wie dies natürlich auch auf Deutschland – allerdings in GANZ ANDERER WEISE – zutrifft!

Oder noch anders gesagt: Hier geht es gar nicht nur um Mentalitätsgeschichte und irgendwelche abgestandenen Stereotype, hier geht es darum, DASS BEIDE SEITEN KENNTNISDEFIZITE DER GEGENWART haben.

Zu diesen Kenntnisdefiziten gehört die Tatsache, daß Polen ein  SONDERFALL innerhalb Europas ist, nicht nur als Empfänger und Adressat der mit ABSTAND GRÖSSTEN EUROPÄISCHEN TRANSFERLEISTUNGEN – die eventuell etwas mit dem SCHLECHTEN GEWISSEN MEHRERER Nationen bezüglich der Behandlung Polens im 20. Jahrhundert zu tun haben KÖNNTEN -, sondern auch zusätzlich als ATYPISCHES  BOOM-Land, was  unmittelbar zu wirtschaftswissenschaftlichen Fragestellungen führt  …

Zu diesen Kenntnisdefiziten gehören ANALYSEDEFIZITE bezüglich der ROLLE DEUTSCHLANDS und seiner INTERAKTIONSMUSTER mit den ANDEREN KLASSISCHEN INDUSTRIE – und WISSENSCHAFTSNATIONEN IN EUROPA, und zwar NACH der Wiedervereinigung …(Ich weise ausdrücklich darauf hin, daß diese diplomatische Ausdrucksweise möglicherweise einer möglichen Problemlage nicht wirklich gerecht werden könnte … und daß es in Wirklichkeit schlimmer sein könnte, als hier angedeutet …)

Fast würde ich sagen: Genau diese Punkte wären sehr geeignete Themen für KÜNFTIGE Abende, allerdings dann in der etwas stringenteren FORM von REFERATEN, die allerdings in der wahrscheinlich auch gewollt informellen Atmosphäre des BERICHTS-Abends das Publikum eventuell verstört hätten …

„Hoppla“, wird man jetzt eventuell ausrufen, „wie kommen Sie denn auf alle solche  Ideen? DAVON WAR DOCH GAR NICHT DIE REDE an diesem Abend!“

Ja, eben!

Aber es war zum Beispiel die Rede von Steffen Möller (als Einwurf vom Vertreter des Europabüros der Solidarnosc).

ABER KEINE REAKTION IM DEUTSCHEN PUBLIKUM!

Einfach aneinander vorbeigeredet, weil kein „Aha-Effekt“ des Wiedererkennens …

Also ehrlich, ich vermute STARK, daß die anwesenden honorigen Senioren den STEFFEN MÖLLER NICHT KANNTEN.

Und Hand auf‘s Herz: Ich selbst lernte Steffen Möller auch nur deshalb kennen, weil ich jetzt bei Lektion 62 von 100 mit den polnischen Vokabeln bin und eben auch etwas „Landeskunde“ mache …

Aktuelle NICHT-INFORMIERTHEIT  kann allerdings ein sehr praktisches Problem werden, wenn nämlich ausgerechnet der AKTUELL  entscheidende DEUTSCHSTÄMMIGE SYMPATHIETRÄGER in Polen, der für seine intelligente und  auch ELABORIERTE Kabarettistik fern jeden blossen Klamauks – der Mann hat sogar PHILOSOPHIE studiert und das merkt man auch manchmal! –  in DEUTSCHLAND GAR NICHT WAHRGENOMMEN WIRD, was die POLEN dann natürlich SEHR VERBLÜFFEND finden und auch eventuell IRRITIEREND!

Ich muß mich korrigieren: Steffen Möller WIRD natürlich in Deutschland wahrgenommen, denn er ist auch hier bei uns in die kommerzielle Szene eingebunden,  allerdings durch Auftritte  in Hannover und im Ruhrpott, wo er grosse Hallen füllt und wo noch genügend Leute leben , die noch ein paar Brocken POLNISCH können und WISSEN, wovon Steffen Möller redet und ERZÄHLT, letzteres vor allem: Pan Stefanie hat was ERLEBT und ER-ZÄHLT davon  – und das tut seiner PERFORMANCE SO UNENDLICH GUT!

Ein anderes Beispiel, das gar nichts mit ALTEN Stereotypen zu tun hat, sondern mit NEUEM Aneinander-Vorbei-Reden: der berühmte Kniefall von Willi Brand.

Dazu  hörte man an diesem Abend, daß das  für die damaligen KOMMUNISTEN ein PROBLEM war, weil die der Meinung waren, daß Willi Brand das FALSCHE DENKMAL für seine öffentliche BUSSÜBUNG ausgesucht hatte , weil – Klammer auf – die Kommunisten ein antisemitisches Problem hatten – Klammer zu.

Nun, wer ein bischen Geschichte kennt, mag sich gar nicht ausdenken, was international passiert wäre, wenn Willi Brand des ZWEITEN AUFSTANDS von Warschau SO und zu dem DAMALIGEN ZEITPUNKT publikumswirksam gedacht hätte … damals, als noch sowjetrussische  Truppen im Land waren! (Man beachte bitte, zu welch diplomatischer Ausdrucksweise ich fähig bin, obwohl mein italienisches Temperament gerade HEFTIG protestiert …)

Ja, das ist es eben:
TROTZ der VIELEN  versöhnlichen Gesten von Seiten des NEUEN Russland, wird Russland in POLEN ANDERS wahrgenommen und auch empfunden – auch zum Beispiel bezüglich der Geschichte der orthodoxen Kirche in Polen , was zum Beispiel mich ganz persönlich betrifft. Und vor allem: ES GIBT IN POLEN KEINE RUSSLAND-ROMANTIK wie in Deutschland, wo man, wenn gar nichts mehr hilft „Kalinka“ singt und auch wohl „Otshi Tshjornje“ und Kasatshok wenigstens versucht  und mit einer Kanne Wodka nachspült   – Wodka  kommt von gemeinslawisch „woda“ gleich „Wasser“ und wird fast überall in Osteuropa UNMITTELBAR verstanden, außer von den Fremden, die das auch noch glauben, nämlich daß das was mit Wasser zu tun hat!

Ich darf vielleicht ergänzen:
Polen DIFFRENZEIREN auch GANZ ANDERS zwischen Russland und Ukraine als DEUTSCHE oder gar Österreicher und Ungarn!
Und das kann ich auch bis zu einem gewissen Grade verstehen, denn die Ukraine das ist für Polen, was der Wilde Westen für die USA war, das Land der Sehnsucht, wo ein Mann nur ein Pferd, eine  Frau und das weite  LAND braucht, um glücklich zu werden! – Ah, einmal habe ich jenseits des San die sanft geschwungenen, weit ausgreifenden Hügelketten gesehen, wie sie sich bis in die westliche Ukraine fortsetzten, wo sie so typisch sind. –
Apropos: Kennt jemand einen DEUTSCHEN, der das polnische Lied „Hej Sokoły“ – „Ho Falke! „ kennt ? Wenn es jemanden gäbe, der es kennte, dann begänne man vielleicht, wirklich etwas zu BEGREIFEN, nämlich von der SEELE des WEITEN LANDES …

Es ist da aber nicht nur sozusagen „Folkloristisches“ was zu groben Missverständnissen führen kann! Viel schlimmer noch: Die POLEN erinnern gar nicht so sehr den KNIEFALL von Willi Brand, sondern die Seltsamkeit, daß der gefeierte Friedensnobelpreisträger Willi Brand sich GEWEIGERT hat, trotz langer Versuche von polnischer Seite, den damals frisch gebackenen Friedensnobelpreisträger Lech Wałęsa zu EMPFANGEN, einfach nur KURZ ZU TREFFEN.  Okay, ich sehe ein, daß ich hier einflicken muss, daß  Lech Wałęsa nicht einmal nach – ich glaube – Oslo fahren DURFTE und seine eigene Preisverleihung AM TELEFON erleben musste …

Ein polnischer Vertreter von der Solidarnosc bemerkte dazu für mich überraschend HART und UNVERSÖHNLICH und NACHTRAGEND:

WILLI  BRAND hätte Lech Wałęsa  SCHÜTZEN können, als er diesen Schutz DRINGEND brauchte. Und Willi Brand hat nicht geschützt und das SCHLIMME daran war offenbar eine  für polnische Sichtweis gewisse  GEDANKENLOSIGKEIT und eine gewisse UNBEGREIFLICHKEIT:
WARUM hat er das SO getan beziehungsweise eben genau so NICHT getan?
Man versteht es gar nicht?!

Auch ich begreife übrigens nicht wirklich, was der Referent von Solidarnosc ansprach, wo er am Rande anmerkte, daß die Ukraine deshalb SORGE mache, weil dort „irgendwie alles in Nichts verpufft“, was man dort aufbauen möchte, weil man dort nicht einmal Ansprechpartner mit entsprechenden Gestaltungs- und Ordnungsvorstellungen trifft.
(Und genau diese Bemerkung war für mich der Beweis, dass der Mann TATSÄCHLICH WUSSTE, WOVON ER REDETE, denn das deckt sich zufällig gewissermaßen mit meinen eigenen (Minimal-)Erfahrungen ….)

Ich sagte, die Referenten ergänzten sich, aber – natürlich – sie konstratierten eben deshalb auch …

Der Vertreter des Europa_Büros der Solidarnosc, war  bedachtsamer, härter wohl auch, so wie ein Mann von der Front …
Und der Solidarnosc-Mann zeigte diesen von Steffen Möller, dem derzeit berühmtesten Deutschen in Polen, bereits beobachteten und beschriebenen , angeblich „typisch“ polnischen Zug zu FATALISMUS, intelligent zwar, aufgeweckt zwar und auch zu  Entwicklung von Strategie und Aktion fähig, aber eben etwas fatalistisch in diesem nur zu gut bekannten Sinne, daß man a) „keine Wahl, keine Alternative“ habe, als es so zu machen, wie die gegenwärtige Generallinie eben ist, und b) noch dazu manchmal, gelegentlich sozusagen „bedenkliche und leicht kontraproduktive Akzente“ setzt, zum Beispiel in der UNGENÜGENDEN BEACHTUNG der beiden Nachfolgestaaten der ehemaligen Tschechoslowakei, die sich teils in einer wenig beneidenswerten Lage befinden und auch von Polen einen gewissen „diplomatischen Flankenschutz“ sehr gut brauchen könnten.

Well, SO hatte ich es noch nie gesehen, DAS hatte ich noch gar nicht bemerkt!

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Wir müssen zum Ende kommen: Nach der Podiumsdiskussion, die von Herrn Univ.-Prof. Dr. Süssmuth SEHR ZURÜCKHALTEND moderiert wurde, so daß also die beiden polnischen Referenten auch zur GELTUNG kommen konnten, der ferner viel passender mit dem anwesenden Publikum „umging“ als dieser vielleicht etwas zu heißblütige Bericht, danach also  wurde eine kurze Fragerunde gestattet.

Hier fielen dann Steinbach-Parteigänger auf, die aber von der deutschen Veranstaltungsleitung bei allem demokratischen Respekt doch auch zu einer gewissen moderaten Temperierung bewogen werden konnten.

Ich habe diese Fragen nicht mehr in Erinnerung – aber natürlich  meine eigenen Fragen, die ich bewußt im Sinne der Festigung einer normalen bilateralen Arbeitsatmosphäre gestellt habe:
a) Wenn es richtig ist, daß, wie gesagt wurde,  Polen seit 1991 keine Rezession gesehen hat, wenn ferner Polen so geradezu „unverschämt gut“ durch die ganzen Euro- und Bankenkrisen durchgekommen ist: WIE haben die Polen das GEMACHT? Könnte man das LERNEN?
b) Die polnische EU-Präsidentschaft von 2011 hat sich hervorgetan mit  ZUKUNFTSWEISENDEN Projektierungen zu SHALE-GAS Förderung von Vorkommen in  Nordpolen, Norddeutschland und Holland: Wie weit sind diese Projekte gediehen?

Well, BEIDE FRAGEN wurden AUSFÜHRLICH beantwortet und ich habe dabei TATSÄCHLICH etwas gelernt.

Aber ich bezweifle stark, daß das übrige Publikum meine Begeisterung für diese FACHKUNDIGEN ANTWORTEN teilte, zumal es mit der ABWEHR von besagten Steinbach-Parteigängern beschäftigt war …

Und deshalb lasse ich die Antworten hier weg.

Ich verrate nur soviel vielleicht: Wenn man heutige Geldprobleme vermeiden will, müßte man eventuell  heutige komplizierte GELD-PRODUKTE / Bank-Produkte  vermeiden und insgesamt im Rahmen KLASSISCHER STAATSLEHRE eine KONSERVATIVE GELD-STEUERUNG praktizieren!

Und wo liegt der Haken?

Well, wer will schon als RÜCKSTÄNDIG gelten, wenn doch ALLE ANDEREN so WAHNSINNIG FORTSCHRTITTLICH sind und VOLLPROGRAMMIERT vor die Wand fahren!??

Ich schließe diesen Bericht, indem ich noch einmal die fatalistische Skepsis des Vertreters von Solidarnosc aufgreife, dessen Eindruck war, daß man irgendwie „keine Alternative“ zur aktuellen Generallinie habe, einer Skepsis, der ich mich anschließe, eine Skepsis, die aber  auch  UNGUTES beinhalten könnte.
Denn wenn alles ALTERNATIVLOS in eine „irgendwie VORGEGEBENE“ Richtung gedrängt zu werden scheint, dann erhebt sich doch die Frage, WER da DRÄNGT?

Vielleicht ist das genau die Frage danach, WELCHES Europa wir wollen!

Wollen wir ein Europa der WELTWEIT OPERIERENDEN GLOBAL-PLAYER KONZERNE aus Deutschland, Frankreich, Holland, Großbritannien und Italien, in deren STRATEGIEN die KLEINEN Länder nur noch ZULIEFERER in welcher Form auch immer werden, so daß man in der älteren Redeweise von politischer Analyse gar von „halb-kolonialem Status“ sprechen müsste?

Oder wollen wir das EUROPA DER HERZEN,  das in den heutigen POSITIVEN  SELBSTVESTÄNDLICHKEITEN sich scheinbar immer mehr  verflüchtigen könnte?

Was auch immer wir wollen oder nicht wollen:

Die polnische EU-Präsidentschaft hat 2011 alle Welt bereits AUFGESCHRECKT mit einer WARNUNG vor der MÖGLICHKEIT von  KONFLIKTEN IN Europa – etwas, das wahrscheinlich heute völlig ausserhalb des Scheinwerferkegels der Aufmerksamkeit des deutschen Wohlstandsbürgers liegt!

Genau DESHALB brauchen wir solche Abende:
Wir MÜSSEN uns GEGENSEITIG BESUCHEN zwecks REALITÄTSCHECK!
Wir MÜSSEN miteinander REDEN, denn WER REDET, dem kann geholfen werden!

Und wir dürfen NICHT ABSTUMPFEN und sagen, daß es ZUVIEL wird, Polen, Ungarn, Serbien, Bosnien, Rumänien, Bulgarien , Griechenland, Portugal, Tschechien, Slowakei, Ukraine.

Aber das ist bloß die Frage, welches Europa wir wollen in umgewandelter Form:

Wollen wir das Europa der wissenschaftlich-ökonomischen TECHNOKRATEN, BÜROKRATIEN und APPARTSCHIKS – oder wäre nicht ein EUROPA als eine Art VölkerFAMILIE vorzuziehen.

Nun, man hört manchmal, daß Österreich-Ungarn diesbezüglich ein LEHRREICHES PARADIGMA gewesen sei und die heutige europäische „Familiensituation“ schon historisch sozusagen vorweggenommen hat.

Aber als (Hobby-)Historiker füge ich hinzu: Wenn es denn so sein sollte, dann sollten wir nicht vergessen, daß es kein Österreich-Ungarn mehr gibt – und daß also letztlich – aus welchen Gründen auch immer – GENAU DIESES PARADIGMA GESCHEITERT ist, NICHT funktioniert hat, wenigstens „letztlich“ nicht,

Mir scheint also, daß wir in einem ganz anderen Sinne KEINE ALTERNATIVE haben:
WIR ALLE HABEN KEINE ALTERNATIVE, uns der ARBEIT zu stellen, damit wir ZIVILISIERTE MENSCHEN sind und werden – und nicht in kulturlose BARBAREI abrutschen!

Genau DESHALB habe ich mich dazu GEZWUNGEN, meine gleichgültige Bequemlichkeit aufzugeben – und diesen Bericht tatsächlich auszuARBEITEN!

In diesem Sinne ganz unverzagt:

Czesc! Pa! Na razie! Und: Do widzenia!

Sincerely

Buike Science And ;Music

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About bbuike

- *1953 in Bremen / Germany - since decennia in Neuss / Germany - classical composer (registered since 2005) - scientific freelance writer - registered to German National Library "Deutsche Bibliothek", search "Bruno Buike", with 246 items in 2013 1996-97 - 5000 qm Rekultivierung Obstwiese mit Kleintierhaltung 2004/05 - 3 Wochen Gartenpflege in einem orthodoxen Kloster in Deutschland 2009 - 3 Wochen Katastrophenhilfe Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2011 - journey to Przemysl/Poland - and learning of basic Polish vocabulary and reading/pronounciation 2013 University of Tokyo - Conditions of war and peace - Coursera - Certificate 2013, December - after 15 years in mainly Russian-orthodox and Greek-orthodox affairs return to Roman-Catholic church 2014 National University of Singapur, Conservatory - Write like Mozart. Introduction to classical composition - Coursera Certifikate "with distinction"
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