EU-Kommission – Ein Vorschlag von Helmut Schmidt

Ich traue meinen Augen nicht, als ich heute in der örtlichen tiefschwarzen Presse – NGZ von Do. 17.02.2011 – lese, daß Helmut Schmidt angeblich vorgeschlagen haben soll, die EU-Kommission aufzulösen.

Und Recht hat er nicht nur, weil es ja eine bekannte Erfahrung ist, daß, wenn man erst einmal eine Bürokratie gegründet hat, diese dann wie durch ein Wunder anfängt, zu wachsen und zu wuchern – und nicht einmal dann zu stoppen ist, wenn der eigentliche Zweck gar nicht mehr da ist, denn flugs werden dann NEUE ZWECKE zum ZWECKE DER REINEN SELBSTERHALTUNG UND SELBSTBESCHÄFTIGUNG ERFUNDEN.

Aber Helmut Schmidt hat NOCH VIEL MEHR RECHT – falls er das wirklich gesagt hat -, aus GRÜNDEN DER POLITISCHEN THEORIE. Und das ist für viele eben das verzweifelt Unangenehme an Helmut Schmidt: Der Mann hat KANT gelesen und offenbar auch verstanden  – ein LUXUS, den sich längst nicht jedes Land dieser Erde leistet!

Die EU-Kommission ist nämlich nur sehr indirekt in Zusammenhang zu bringen mit DEMOKRATISCHEN LENKUNGSVERFAHREN, weil die einzelnen nationalen Regierungen die Kommissare ERNENNEN – also per UKAS und NICHT durch WAHLEN. Es verwundert dann nicht, daß die EU-Kommission  vom Europäischen Parlament auch nicht kontrolliert werden kann, jedenfalls nicht wirklich.

Man könnte also, wenn man aus Westeuropa kommt, gegen die Europäischen Institutionen und Bürokratien einwenden, daß sie “irgendwie” nur “SCHEINBAR demokratisch” sind, also ein mehr oder minder grosses LEGITIMATIONSPROBLEM haben.

Wenn man aus Osteuropa kommt, hat man es womöglich noch einfacher, denn den Osteuropäern ist aufgefallen, daß die EU-Kommission “über dem Ganzen schwebt” PRINZIPIELL ÄHNLICH wie seinerzeit die ZK`s der kommunistischen Parteien. Folgt man dieser Betrachtungsweise, würde das also praktisch hinauslaufen auf eine SPRACHLICHE BEZEICHNUNGSIRRELVANZ, denn bis zu einem GEWISSEN GRADE sind die Wörter “Kommission” oder “Kommitee” AUSTAUSCHBAR.

Vielleicht könnte man also sagen:

ERSTENS: Die Europäischen Institutionen sind irgendwie eine FEHLKONSTRUKTION, aber nicht – oder nicht nur – aus mangelhafter Überlegung, sondern auch aus früher bei Gründung für zwingend gehaltenen HISTORISCHEN VORAUSSETZUNGEN.

ZWEITENS: WAS NACH 1945 die GENERATION DER KRIEGSTEILNEHMER EXISTENZIELL und FUNDAMENTAL BEWEGTE und ANTRIEB – nämlich eine ALLGEMEINE ERFAHRUNG von GRAUENVOLLEM LEID und ZERSTÖRUNG – und deshalb die ehemaligen KRIEGSGEGNER zu einem NEUEN ANFANG VEREINTE, das nun muß keineswegs HEUTE noch von den MENSCHEN ÄHNLICH EMPFUNDEN werden. Wenn wir das einmal etwas naßforsch  so sagen dürfen: Wir beobachten in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, daß ZWEIMAL die ERFAHRUNG DER KRIEGSVETERANEN unter dem Vorwand von irgendwelchen NORMALITÄTEN mehr oder weniger erfolgreich AUSGEBLENDET wurde – und das macht uns selbst wenigstens in gewisser Weise SKEPTISCH … obwohl wir auf der anderen Seite auch verstehen, daß es ein Unding wäre, auch noch die Jugend der nächsten Generation mit all diesen SCHRECKLICHEN ERZÄHLUNGEN VOM KRIEG zu BELASTEN, mit denen unsere eigene Kindheit nachgerade “vergiftet” wurde …

DRITTENS: Politik ist die KUNST DES MACHBAREN – also, WIE man die Dinge halbwegs GESCHEIT anpacken könnte oder sollte. Helmut Schmidts Vorschlag aber weist über seinen unmittelbaren Anwendungsbereich schon hinaus – natürlich weil er FUNDAMENTAL ist -, indem er uns zwingt, ERNEUT NACHZUDENKEN über die IDEE EINES  VEREINIGTEN EUROPA. Falls unser persönlicher Eindruck richtig ist, dann scheint aus anderen Beiträgen von Helmut Schmidt eben ablesbar – hoffentlich halbwegs korrekt! -, daß für Helmut Schmidt ein GROSSES STAUNEN ist, WIE und auf welche Art und Weise, sich dieses Europa mit SEINEN HISTORISCHEN ERFAHRUNGEN – wozu übrigens auch der 30-jährige Krieg gehörte (1618-1648) – und HISTORISCHEN SINGULARITÄTEN von sich aus aufmacht, sogar von den Menschen ausgehend und teils gegen die Langsamkeit von Regierungen und Apparaten  aufmachte zur “Formulierung”, was man EUROPÄISCH unter der IDEE von VEREINIGUNG eventuell verstehen könnte, hinter der eine ANDERE und GRUNDLEGENDERE Idee sichtbar wird, nämlich die PHILOSOPHISCHE IDEE VON EINHEIT, zumal in ihrer Ausprägung als EINHEIT IN VERSCHIEDENHEIT, von der manche Beobachter meinen, fürchten zu müssen oder zu sollen, daß sie DERZEIT auf die TECHNOKRATISCHE EBENE eines – mehr oder weniger “gewaltsam” – VEREINHEITLICHTEN SYSTEMS REDUZIERT werden könnte.

Ergebnis:
a) Natürlich ist es eine PLATTITÜDE, wenn man sagt, daß INSTITUTIONEN letztlich auf IDEEN zurückgehen.
b) Natürlich ist es eine weitere PLATTITÜDE, wenn man sagt, daß die GENERATIONEN von je eigenen und damit auch je anderen ANTRIEBEN umgetrieben werden.
c) Aber was mir selbst die GRÖSSTEN SORGEN macht, ist etwas ganz anderes,
daß wir nämlich HEUTE die EXTREM SCHLECHTEN ERFAHRUNGEN des 20.Jahrhunderts als zu UNBEQUEM einfach nicht mehr wahrhaben wollen und deshalb auch die FUNDAMENTAL-DEBATTE scheuen. SOLANGE HELMUT SCHMIDT NOCH LEBT UND SCHREIBT, wird das in DEUTSCHLAND teils UNANGENEHM nicht möglich sein.
d) KRIEGSVETERANEN standen am Anfang der heutigen EUROPÄISCHEN INSTITUTIONEN. HEUTE kommen in Osteuropa VETERANEN AUS DEN EXTREM SCHLECHTEN UND TRAUMATISIERENDEN ERFAHRUNGEN VON TOTALITÄREN DIKTATUREN dazu. Ich meine: DAS MÜSSEN WIR ERNST NEHMEN, erstens MENSCHLICH und zweitens auch hinsichtlich der PHILOSOPHISCHEN KONSEQUENZEN. Wir jedenfalls befürchten, daß ein Europa, das nur noch als TECHNOKRATISCHE MASCHINE funktioniert, die TIEFENSCHICHTEN MENSCHLICHER EXISTENZ HEUTE verfehlen würde – und deshalb letztendlich scheitern müsste.
e) Helmut Schmidts Vorschlag zur Europäischen Kommission liegt gar nicht so schrecklich weit entfernt von der VEHEMENTEN KRITIK, die uns heute aus Osteuropa entgegentritt: Es ist schon ein bischen peinlich, daß auf diese Weise die Osteuropäer uns daran erinnern müssen, daß EUROPA eine GEISTIGE AUFGABE ist, die mit der heutigen VERFLACHUNG – um nicht zu sagen: VERBLÖDUNG – der politischen Debatte, NICHT gelöst werden KANN!
f) Wenn man so will, dann gehört Helmut Schmidts Vorschlag zur Auflösung der EU-Kommission natürlich in den erweiterten Zusammenhang der Diskussion um eine EUROPÄISCHE VERFASSUNG, dann, worauf Dr. Otto von Habsburg hingewiesen hat,  des weiteren in den Zusammenhang der neuen HAUSHALTSRECHTE des EU-Parlaments. Da ist schon eine neue Entwicklungsschiene sichtbar, die auf die FUNDAMENTALE ZUSPTZUNG führte, OB GOTT in der EUROPÄISCHEN VERFASSUNG ERWÄHNT WERDEN DARF ODER SOLL. Auch hier beobachten wir eine DISPARITÄT zu Osteuropa: In Frankreich liegt das Durschnittsalter katholischer Priester irgenwo bei 60 Jahren, in Deutschland wird “christliches Personal” aus den Phillipinen, Südindien und Afrika “importiert”, in Deutschland werden die beiden grossen christlichen Kirchen in den nächsten 10 Jahren 30% ihrer Mitglieder verlieren und schon jetzt werden in Deutschland ÜBERALL KIRCHEN GESCHLOSSEN UND VERKAUFT – aber in – besonders –  POLEN und RUSSLAND sehen wir eine GANZ UND GAR ERSTAUNLICHE NEUE BEFRAGENDE HINWENDUNG zum ANGESTAMMTEN CHRISTENTUM, die in Westeuropa gerne belächelt wird, ohne daß Westeuropäer auf Anhieb erkennen würden, daß damit WESTEUROPÄISCHE MATERIALISTISCHE WOHLSTANDSBANALITÄT GRUNDSÄTZLICH IN FRAGE GESTELLT wird.

Summa summarum: Helmut Schmidt hat ganz bestimmt ganz andere PHILOSOPHISCHE POSITIONEN als wir selbst (Wir selbst sind zum Beispiel längstens weit jenseits von Kant angekommen und haben sogar zum ostchristlich-orthodoxen Bekenntnis gewechselt … was auch mit unserem Verständnis der neuesten Hyperphysik zusammenhängt …). Verschiedenheit der Standpunkte aber IST ERFORDERLICH, damit DEBATTE stattfinden kann.
Und dafür hat Deutschland DANKBAR zu sein – und dafür kann man eventuell sogar über Deutschland hinaus auch EUROPÄISCH dankbar sein!

Buike Science And Music

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- *1953 in Bremen / Germany - since decennia in Neuss / Germany - classical composer (registered since 2005) - scientific freelance writer - registered to German National Library "Deutsche Bibliothek", search "Bruno Buike", with 246 items in 2013 1996-97 - 5000 qm Rekultivierung Obstwiese mit Kleintierhaltung 2004/05 - 3 Wochen Gartenpflege in einem orthodoxen Kloster in Deutschland 2009 - 3 Wochen Katastrophenhilfe Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2011 - journey to Przemysl/Poland - and learning of basic Polish vocabulary and reading/pronounciation 2013 University of Tokyo - Conditions of war and peace - Coursera - Certificate 2013, December - after 15 years in mainly Russian-orthodox and Greek-orthodox affairs return to Roman-Catholic church 2014 National University of Singapur, Conservatory - Write like Mozart. Introduction to classical composition - Coursera Certifikate "with distinction"
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