Experience from German teaching: Die Einleitung

Die Einleitung. Satire auf den gymnasialen Deutschunterricht am Beginn des 3. Jahrtausends.

Bruno Buike, Neuss/Germany – Februar 2000 / 2005

(Dies ist eine WAHRE Geschichte, die ich mit Schüler/innen von ehedem als Vorzugsschulen geltenden Neusser Traditionsgymnasien erlebt habe.)

Ein bekannter Gastarbeiterwitz geht so:

Da kam einmal ein Türke nach Deutschland. Ein Jahr später schrieb er nach Hause:
„Habe mich eingewöhnt und verdiene gut. Nur eins ist merkwürdig: Kaum jemand hier spricht richtiges Deutsch! Immer wieder höre ich: ‚Mußt du nehmen Schlüssel Maul und drehen Schraube fest. Sonst Maschine kaputt!’”

Ein beliebiger Nachhilfelehrer mit Notfallköfferchen zur ambulanten Erstversorgung am Unfallort bei Bildungskatastrophen kann diesem Türken nur zustimmen: Am Beginn des dritten Jahrtausend stirbt die deutsche Sprache aus – und die Schulen sind zu Kinderaufbewahrungs-Anstalten verkommen.

Konjunktiv und Genitiv? Tschüss! Starke Verben? Ihr macht sogar Abiturienten schwach! Futur? Du hast keine Zukunft!
Und erst die Syntax! Kürzlich soll sich ein Lehrer zu folgender Definition hinreißen haben lassen, und zwar am Gymnasium in der Mittelstufe: „ Subjekt, das ist das, wo ihr immer Substantiv zu sagt!”

Und Ludwig Reiners hat leicht reden, wo er zum Besten gibt: „Das Zentrum des deutschen Satzes ist das Verb.” Denn, bitte schön, was ist ein Verb?

Ja, da müsste man vielleicht dem Infinitiv oder den Infinitiven nähertreten? Oder nicht? Oder doch? – Oder wir probieren mal, was man alles weglassen kann!

Man brauchte nun dessen keinerlei Erwähnung tun, wäre nicht jüngst Unglaubliches geschehen: Ein Geschichtslehrer in einer kleinen linksrheinischen Großstadt – offenbar ein Optimist durch und durch! – stellte ein Referat zur Aufgabe, allerdings sicherheitshalber zu einem BELIEBIGEN Thema. Ein Schüler aus Unterterzia nahm sich daraufhin die Freiheit, sich an der „Zuckerrübe” zu versuchen – und präsentierte folgende Einleitung:

Ich will nun etwas über die Zuckerrübe und den Zucker reden. Und zwar über die weltweite Zuckerproduktion heutzutage, über die Entdeckung und der (!) Chemie, über die Biologie der Zuckerrübe und darüber (,!) wie der Zucker produziert wird.”

Dieses Elaborat geriet einem wandernden Landlehrer, nämlich „Schreiber dieses”, in die Hände und jener hub an, um sich wie folgt vernehmen zu lassen:

„Liebe Kinderlein! ICH WILL NUN ETWAS ÜBER DIE ZUCKERRÜBE REDEN. ‚Etwas’, das soll heißen: Viel mehr wie ihr weiß ich auch nicht! Und ‚reden’ soll heißen: Ich werde nicht singen oder vorturnen! Nein! Ich werde eine Rede reden und eine deutliche Sprache sprechen!

UND ZWAR ÜBER DIE WELTWEITE ZUCKERPRODUKTION HEUTZUTAGE.

Recht hast du: Lasse deinen Blick ZUERST über die ganze Welt schweifen! Da kann dir so schnell keiner folgen – und du hängst alle ab! Denn dass hier im Landkreis Neuss direkt vor unserer Haustür und am Niederrhein ein wichtiges Anbaugebiet der Zuckerrübe ist, können wir glatt schlabbern.

Und überhaupt und ach, HEUTZUTAGE … Aber früher! Das war toll! Da haben wir Zuckerrüben an die Wandtafel geschmissen und wenn sich der Lehrer umdrehte, war’s keiner gewesen! Aber HEUTZUTAGE?

Heutzutage muß ich über die Zuckerrübe REDEN!

So, mit der ganze Welt sind wir fertig! Jetzt kommt nur noch eine Kleinigkeit: Jetzt geht’s ÜBER DIE ENTDECKUNG UND DER CHEMIE.

Nicht dass ihr jetzt denkt, ich gehe bis ins Jahr 10000 vor Christus zurück, als die Chemie entdeckt wurde. Nein, da war Eiszeit und in Deutschland schrecklich kalt!
Das Entdeckung von dem Chemie – äh, wollte sagen: Der Entdeckung von das Chemie ist gar nicht mein Thema!

Liebe ausländische Mitschüler!

Die Zuckerrübe ist ein ganz raffiniertes Ding! Die ist gar nicht weiß wie Zucker sondern grün wie Viehfutter! Und sie schmeckt auch so – wie Viehfutter, meine ich!

Und da wird mir plötzlich selber klar: Der Knackpunkt ist der, dass der Zucker in der Zuckerrübe erst mal entdeckt werden musste – nachdem er nämlich vorher da hineingezüchtet worden war! Das war irgendwann 17-hundert-und irrsinnig-wenig! Das war der glorreiche Augenblick in der Weltgeschichte, als sich Zuckerrübe und Zahnärzte verbündeten!

Denn ohne Weißzucker kein Karies!

Jetzt habe ich „ÜBER” und „ÜBER” gesprochen wie ein Bauer, der nur Hauptsätze
kann.

Liebe Zuhörer!

Ich kann nicht nur Zuckerrübe! Ich kann auch Nebensätze!

Ich spreche gleich DARÜBER, – Komma! – wie der Zucker produziert wird.

Aber Obacht: Zuckerproduktion und die Frage, wie Zucker produziert wird, das ist etwas völlig Verschiedenes – und ihr dürft das nicht durcheinander bringen!

Wozu überhaupt KLAR sprechen, wenn es auch trübe-undurchsichtig geht? Man kann doch nicht sagen: ‚Technische Stufen der Zuckerherstellung in der Zuckerfabrik und in den Raffinerien’! Da merkt ja jeder gleich, worum es geht! Schlimmer noch: Vielleicht kriegt auch noch jemand Durchblick!

Hochverehrtes Publikum!

Diese Einleitung hat mich geschafft und das Referat verschieben wir auf morgen. – Oder hat noch jemand ein Stück Zucker, damit ich Energie nachtanken kann???”

Natürlich ist es nicht fair, dergestalt Kurt Tucholskys „Ratschläge für einen schlechten Redner” zu bemühen: Denn man weiß zur Genüge aus Ehescheidungs-Prozessen, dass entgegen allen Beteuerungen stets beide Seiten an Zerrüttung mitgewirkt haben, so dass also Schulversagen immer auch Lehrerversagen bedeutet. Wir gehen wohl nicht fehl in der Annahme, dass heutige Deutschlehrer im Regelfall die deutschen Stilistik-Meister und die Schulrhetorik genauso wenig kennen wie die Kinder und Jugendlichen, die sie unterrichten sollen – und das trifft auch für den „Schreiber dieses” teilweise zu.

Die Krux ist die: Man liest nicht!

Das ist etwas viel schlimmeres als: Man liest nicht mehr!

Woher soll da Geläufigkeit des Wortschatzes kommen, die erlaubte, etwaig vorhandene Geistesblitze – sagen wir: in Mathematik – überhaupt auf Papier zu bannen und auszudrücken?

Als „Einleitung” zu jeder Einleitung benötigt man heute ein Training des Aufbauwortschatzes bis etwa 4000 Wörter, wie es eigentlich nur im Fall von „Deutsch für Ausländer” üblich ist!
Und das ist auch schon Traumtänzerei! In Wirklichkeit hat man viel geschafft, wenn vor Erreichen des Wehrdienstalters ungefähr klar ist, was eine alte HDV (Heeresdienstvorschrift) so ausdrückt:

„Ein militärisches Schriftstück gliedert sich in Einleitung, Hauptteil und Schluß.”

Womit wir andeuten wollen: Die showmäßige Ausrichtung des Vorzeige-Deutschunterrichts auf Literatur versagt öfter – besonders bei den Kindern, die Abitur für eine Lehrstelle benötigen.

Literatur eignet sich auch nicht als Einstieg für jene Sextanerin, die vornehm näselte wie weiland preußisch-kaiserliche Gardeoffiziere und auch so kommandieren konnte, nämlich mindestens bataillonsmäßig. Hier empfiehlt sich zarte Rücksicht – und wir probieren:

Aktuelle Stunde im Rahmen der Infanteriegefechtsausbildung aller Truppen gemäß HDV 123/4: Befehl „Zucker”!

 

Kameradinnen 

und Kameraden! 


Zucker ist der entscheidende schnelle Energiespender in der Ernährung der kämpfenden Truppe. Im Auftrag von HQ ZSEK (Zuckersondereinsatzkräfte) erläutere ich deshalb die Verteidigung der Zuckerrübenfelder und die Logistik einschließlich Transport vom Feld zur Fabrik und von der Fabrik an die Front. Denn das strategische Produkt Zucker erfordert ein kriegswirtschaftliches Gesamtkonzept. Davon ausgehend sind die taktischen Aufgaben für

Heer, 

Marine 


Luftwaffe  


und Weltraumtruppen – Satellitenbeobachtung mit GPS (global positioning systems)!


– zu bestimmen.

Kameraden, keine einzige Zuckerrübe fällt ohne erbitterten Widerstand in Feindeshand!

Und Kameraden: Ohne Alkohol gibt es keinen Krieg – ohne Zucker aber keinen Alkohol! Und daraus folgt unser Motto, das Motto der Zuckersondertruppen unter
Allied Forces HQ STF (Sugar Task Force):

Ohne Zucker kein Sieg! 


Kameraden – wir erheben uns! -, auf den Zucker ein dreifach donnerndes: Kölle alaaf! Äh, wollte sagen: Hipp hipp hurra!

Bitte setzen!”

So, da sitzen wir nun, haben fleißig gelesen – und niemand sagt uns, wo Einleitung, Hauptteil und Schluß dieses Geschreibsels sind! Ein einfacher Lösungs-Tip: Einleitung, das ist irgendwo ganz vorne und Schluß ist das Gegenteil, nämlich jetzt:

Alles hat eine Einleitung – alles ist Einleitung für anderes, aber immer nur Einleitung ist auch irgendwie fade. Geben wir acht, dass wir nicht den Hauptteil verpassen, nämlich DAS LEBEN SELBST!

Und fertig! 

Nachtrag 1: Inzwischen haben wir das Jahr 2002, wo eine PISA-Studie die andere jagt, ohne dass man genau sagen könnte, warum. Um zu demonstrieren, dass wir irgendwie durchaus auf der Höhe des gegenwärtigen Diskussionsstandes sind, also noch ein kurzes Wort zu PISA:

Alle Kinder stehen gerade!
Nur nicht Lisa!
Die kommt aus PISA! 

Nachtrag 2, 2008:
Ich selbst war nur ca. 3 Jahre nebenbei Nachhilfe-Lehrer. Aber ein schon verstorbener Kollege – Lehrer gehören heute in Deutschland zu der Berufsgruppe mit den meisten Frührentnern!! – sagte mir aus seiner Alltags-Erfahrung:
“Ehe ich mich mit Eltern, Schulbehörde und Kindern rumärgere, VERSCHENKE ich die Noten!” Und er sagte: “Da laufen zu viele am Gymnasium rum, die gar nicht dahingehören!”
Für die Bildungspolitik in Deutschland hätte ich deshalb KEINEN Reformvorschlag, sondern ungefähr folgende Empfehlung:
30 % der Schüler/innen RAUS, 30 % der Eltern RAUS, 30 % der Lehrer RAUS, 30 % der Schulen schließen – und dananch mal versuchen, ob man einen NEUANFANG hinkriegt!
DENN: Die heutige PLAN-VORGABE, daß 40% eines Geburtsjahrgangs Abitur machen sollen und möglichst auch noch studieren sollen, ist WELTFREMDE Politik, die nur zu ANSPRUCHSINFLATION führt, keineswegs aber zu QUALITÄTSSTEIGERUNG!
Diese IRREALE Planvorgabe hat ausserdem schon dazu geführt, daß in Deutschland das Berufseinstiegsalter MASSIV verschoben wurde auf derzeit statistisch ungefähr 27 Jahre – für, wie gesagt, derzeit ungefähr 40$ eines Geburtsjahrganges. (Wir sehen hier DEMOGRAPHIE nicht nur als Teil der modernen Militär-Wissenschaften, sondern sogar als Teil der ALLGEMEINEN LENKUNGSPOLITIK!)
Und diese VERLÄNGERUNG einer NICHT-PRODUKTIVEN Lebens-Vorbereitungsphase könnte allenfalls eventuell WIRTSCHAFTSPOLITISCH Sinn machen, weil nämlich im POST-Industriellen Zeitalter ARBEITSPLATZMANGEL herrscht, den man eventuell durch eine neue Methode der Wirtschaftslenkung nach der mathematischen WARTESCHLANGEN-THEORIE “auffangen” möchte.
Man könnte aber auch umgekehrt argumentieren, daß die große Zahl der JUNGEN LEUTE in dieser speziellen Warteschleife nur bedeutet, daß die ALTEN die Jungen von den “Fettöpfen Ägyptens” FERNHALTEN.
Oder jedenfalls: Die WARTESCHLANGE der JUNGEN LEUTE hat den hübschen Nebeneffekt, daß innerhalb der Warteschlange KEINE ECHTEN ARBEITSEINKOMMEN gezahlt werden müssen, daß also eine Low-Level-Income-Zone geschaffen wurde, die im fortschrittlichen deutschen Sozialsystem sogar funktioniert, jedenfalls BISHER!
Sie funktioniert nicht nur, sondern sie ist im RIESIGEN, NEU ENTSTANDENEN GESCHÄFTSFELD von NACHHILFE sogar ein MILLIARDENGESCHÄFT geworden.
Die KÜNSTLICHE VERLÄNGERUNG von SCHULMÄSSIGEM Lernen setzt sich dann fort im modernen WEITERBILDUNGS-Le(e)hrbetrieb mit seinen oft TÖDLICH LANGWEILIGEN KURSEN.
Auch die BERUFSBEZOGENE Weiterbildung ist natürlich ein MILLIARDENGESCHÄFT – und wir können auch die NAMEN EINIGER PROFITEURE BENENNEN: Der gesamte GEWINN des Schulungs- und Umschulungs-Betriebes des deutschen ARBEITSAMTES wird nämlich GESTEUERT und AUFGETEILT von den MITGLIEDERN des VERWALTUNGSRATES des Arbeitsamtes, die ALLE SELBER MARKTBEHERRSCHENDE “BILDUNGSANBIETER” sind.
Und so schließt sich der Kreis FORMVOLLENDET.
Ich selbst aber, der ich sogar in gewissem Sinne als “geborener Lehrer” bezeichnet werden könnte, nicht nur als Lehramts-Studienabbrecher, bin schon längst IM INTERNET LEHRER geworden, denn die REALE REALITÄT fand ich ansonsten UNERTRÄGLICH DEMOTIVIEREND!

Mit freundlichen Grüßen

Buike-publishing

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About bbuike

- *1953 in Bremen / Germany - since decennia in Neuss / Germany - classical composer (registered since 2005) - scientific freelance writer - registered to German National Library "Deutsche Bibliothek", search "Bruno Buike", with 246 items in 2013 1996-97 - 5000 qm Rekultivierung Obstwiese mit Kleintierhaltung 2004/05 - 3 Wochen Gartenpflege in einem orthodoxen Kloster in Deutschland 2009 - 3 Wochen Katastrophenhilfe Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2011 - journey to Przemysl/Poland - and learning of basic Polish vocabulary and reading/pronounciation 2013 University of Tokyo - Conditions of war and peace - Coursera - Certificate 2013, December - after 15 years in mainly Russian-orthodox and Greek-orthodox affairs return to Roman-Catholic church 2014 National University of Singapur, Conservatory - Write like Mozart. Introduction to classical composition - Coursera Certifikate "with distinction"
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